Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau, besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur.
Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln, oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald. Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes, weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen, rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke, die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen.
Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur
Mormonenzeit.
Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und 1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf 30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago (Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten.
Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen zu haben.
Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, die nur mit einem Holzpflock verschließbar war.
Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim.
Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“ halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben.
Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes, the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt gut Violine und liebt die deutsche Musik.
Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im Kriegsjahre 1870/71.