Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene Abhandlung erfordern.

Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich vermindern.

Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen werden.

FUSSNOTEN:

[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch.

[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort Madison, wo ich ihn sah.

[4] Siehe das Titelbild

IV.

Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.

Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. —