Beides – Kultur des Auges und der Hand, zeichnerischer Eindruck und zeichnerischer Ausdruck – dienen jedoch nicht nur dem eigenen Ich; sie werden gleichzeitig Mittel zur Eroberung der Umwelt: der Natur wie der Kultur.

Der Natur im weitesten Sinn: Wer ein künstlerisch geschultes Auge, eine zeichnerisch geschickte Hand sein eigen nennt, der wird die Außenwelt nicht nur mit anderen Augen betrachten als der künstlerisch ungeschulte Laie, er wird sie auch genauer beobachten. Er wird Dinge sehen, die dem andern einfach unsichtbar bleiben. Er wird sich einen Schatz von Form- und Farbenvorstellungen im Gedächtnis aufspeichern, von denen der Laie nichts weiß. Diese genaue Beobachtung wird ihn nicht nur zeichnerisch, nicht nur künstlerisch fördern, sondern auch wissenschaftlich. Es ist eine lebendigere Art von Naturkunde, als sie die Wissenschaft durch systematische Übersichten, durch Begriffe und Zahlen allein vermitteln könnte. Diese Art der Naturbeobachtung ist in der Regel stark gefühlsbetont. Sie ist das rechte Mittel, Liebe zur Natur in dem Beobachter zu wecken. Der Künstler malt – wie Schwind es einmal ausdrückt – all seine Liebe mit in das Bäumchen hinein, das er im Bilde darstellt. Die ganze Umwelt gewinnt für die künstlerische Betrachtung einen eigenen Schimmer, eine Art poetischer Verklärung. Dadurch weckt sie das Interesse für die Erscheinung in einem weit stärkeren Grade, als es die abstrakt wissenschaftliche Betrachtungsweise ohne bildhafte Anschaulichkeit zu leisten vermöchte.

Aber auch in kultureller, in wirtschaftlich-sozialer Hinsicht hat in einer Zeit der Technik, wie es die unsere ist, zeichnerische Schulung von Auge und Hand hervorragende Bedeutung. Es sei nur darauf verwiesen, daß ein rechter Zeichenunterricht manches künstlerische Talent, das ohne Anleitung leicht verkümmern würde, erst entdecken hilft. Die Schule hat freilich nicht die Aufgabe, künftige Künstler zu erziehen. Wichtig aber erscheint die Tatsache, daß mancher Schüler, der in wissenschaftlicher Hinsicht nichts Nennenswertes zu leisten vermag, zuweilen als Zeichner hervorragendes Talent verrät und durch diese Erkenntnis vor verfehlter Berufswahl bewahrt bleibt.

Die Künstler selbst aber dürfen sich von einem künstlerisch gerichteten Zeichenunterricht ein urteilsfähigeres Publikum erwarten. Ein geschultes Auge begnügt sich nicht mit schlechter Fabrikware. Es hat nur Freude am Gediegenen, Ursprünglichen. Der künstlerisch Gebildete wird bei seinen Möbeln die Schönheit nicht in verlogenem Prunk, sondern in ihrer Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit suchen. Die Nachfrage nach dem Guten wird sich mehren; die Kauflust der Masse wird wachsen. Bei Bildern wird man nach wirklichen Meistern greifen; den Wert der Originale wird man würdigen lernen. Der Kunstmarkt, der mit dieser Nachfrage, mit dieser Kauflust rechnen muß, wird seinen Einfluß auch auf das künstlerische Schaffen selbst ausüben. Echte, bodenständige Kunst wird häufiger zu finden sein. Das gleiche gilt für Industrie und Gewerbe.

Die künftige Generation soll jedoch nicht nur in ihrer Eigenschaft als Reproduzentin von einer künstlerischen Bildung Förderung erhoffen dürfen; auch die Schaffenden und Arbeitenden, die Handwerker und die Gewerbetreibenden, die Beamten und die Studenten – kurzum, alle Berufe, deren Angehörige eine Schulung des Auges und der Hand nötig haben, werden durch einen richtigen Zeichenunterricht neue Möglichkeiten gewinnen, ihre Berufsarbeit wirksam zu unterstützen, und neue Ideen für Ausgestaltung dieser und jener Leistung gewinnen. Es gibt kaum einen Beruf, der nicht einmal in die Lage käme, mit zeichnerischen Darstellungsmitteln ausdrücken zu müssen, was sich mit Worten eben nicht ganz verdeutlichen läßt. Ganz abgesehen vom Handwerker, vom Schneider z. B., der zur Kreide greift, bevor er den Anzug zuschneidet; vom Zimmermann und Maurer, die des gezeichneten Planes bedürfen – auch der einfache Bauer, der an seinem Wagen oder an seinem Schweinestall etwas ändern lassen will oder der seinem Knechte verdeutlichen möchte, wo im Walde er die Klafter Holz zu suchen hat, tut sich leichter, wenn er mit ein paar Strichen das Nötige erklären kann. Es ist in der Tat viel Wahrheit in der Äußerung, die der blinde Maler Gérard de Lairesse gegen Ende des 17. Jahrhunderts seinen Schülern in die Feder diktierte: »Es ist das Zeichnen zu allen Professionen, die durch das Urtheil oder Vernunfft und mit dem Gesichte verrichtet werden, dienlich: ja, ich dürfte fast sagen, daß keine Kunst und Wissenschaft in der Welt seye, oder die Zeichnung sei ihr so nötig, als die Hand zum essen.« Das kommt besonders in der Großstadt dem Lehrer einer Abschlußklasse zum Bewußtsein, sobald es sich darum handelt, für die austretenden Schüler die rechten Lehrstellen ausfindig zu machen. Neben guter Schulung im Lesen, Schreiben und Rechnen ist es in erster Linie zeichnerische Fähigkeit und Fertigkeit, was viele Handwerksmeister von ihren künftigen Lehrlingen verlangen.

Der Streit um den Wert des Zeichnens ist heutzutage zum Abschluß gekommen und zwar im bejahenden Sinn. Wenn da und dort in reaktionären Kreisen außer der »bewährten Trias Lesen, Schreiben und Rechnen« alles Darüberhinausgehende als unnötige Spielerei erklärt und aus dem Unterrichtsplane gestrichen werden soll, so braucht man sich nicht weiter dadurch beirren zu lassen. Mit derartigen Rückschrittlern rechnet unsere Zeit nicht mehr. Sie hilft dem Gesunden und Lebensfähigen zum Durchbruch, wie sie seinerzeit auch der »bewährten Trias« Geltung verschaffte in einer Umgebung, der es unerhört schien, daß ein Bauernbub außer Lesen auch Schreiben oder gar Rechnen lernen sollte. Der Kultur- und Bildungswert des Zeichnens gilt uns heute als unleugbar erwiesen, und es fragt sich nur, auf welchem Wege der Lernende am sichersten und besten zum rechten Ziele gelangt. Bevor ich mich zur Beantwortung dieser Frage wende, soll uns ein kurzer Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung des Zeichenunterrichts vor Um- und Irrwegen bewahren.


Zweiter Abschnitt.
Der Zeichenunterricht einst und jetzt.

A. Der alte Kurs.