Durch ein derartiges Zurückgreifen auf die Tätigkeiten der Vorstufe oder durch ein beständiges Einbeziehen des Gedächtniszeichnens in die höheren Stufen der zeichnerischen Ausbildung gewinnt das Ganze einen inneren Zusammenhang, wie er bei unseren Zeichenlehrplänen in der Regel leider nicht zu finden ist. Nur auf diese Art aber ist eine gewisse Stetigkeit in den Entwicklungsgang zu bringen; denn das bereits Gewonnene erfährt durch die immer wiederkehrende Übung eine Festigkeit, die zur sichersten Gewähr für einen lückenlosen Fortschritt wird.

Es wäre grundfalsch zu glauben, das Zeichnen nach der Vorstellung könne auf der Vorstufe erledigt werden. Das Gedächtniszeichnen sollte vielmehr durch das Zeichnen nach der Wirklichkeit seine Vervollkommnung erfahren. Es darf nichts auf der Stufe des Schemas stehen bleiben, sondern muß die Entwicklung, die das anschauungsgemäße Zeichnen nach dem Gegenstande durchläuft, gewissermaßen parallel mit durchlaufen. Es ist eine vorzügliche Übung, wenn man, nachdem man versucht hat, ein Objekt nach der Natur darzustellen, daran geht, das gleiche Objekt nach der Vorstellung oder aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Nur so werden die Gesetze der Darstellung nicht nur bewußt, sondern auch geläufig.

Abb. 50

Durch dieses Aufsuchen der körperhaften Elementarform – des Würfels, der Kugel, des Zylinders, der Pyramide und des Kegels – in der Naturform finden jene Übungen der vorausgehenden Stufe, die auf ähnliche Weise die flächenhaften Elementarformen – Quadrat, Rechteck, Dreieck, Raute, Ovale, Kreis – in den Wirklichkeitsformen aufsuchten und darstellten ([Abb. 19], [20], [21], [22], [23] u. [24]), gewissermaßen ein Analogon. Dadurch wird ein Mechanismus verhütet, der den Zeichenunterricht jahrzehntelang zur langweiligen Plage machte. Wie der Indianer an seiner Fischzeichnung Freude empfindet, so wird auch hier die zeichnerische Tätigkeit ein Quell der Darstellungslust; denn es sind nicht abstrakte geometrische Körperformen, die es nachzubilden gilt; es sind Wirklichkeitsausschnitte: der Würfel wird zum Haus, das dreikantige Prisma zum Dach, die Säule zum Turm, Kegel oder Pyramide zu seiner Spitze. Die wirkliche Erscheinungswelt erfährt auf diese Art eine Behandlung, wie es Pestalozzi mit seinem ABC der Anschauung erstrebte, aber doch nicht zu erreichen vermochte, da ihm selbst an technischem Können fehlte, was er seinen Zöglingen gern vermittelt hätte.

Die wissenschaftliche Darstellung.

Hier wäre auch die Stelle, wo das wissenschaftliche Zeichnen einsetzen könnte. Ein Zweifaches könnte unterschieden werden: das freie Zeichnen und das gebundene Zeichnen mit Lineal, Winkel und Zirkel ([Abb. 2], [3], [4] u. [5]).

Abb. 51

Das Linearzeichnen hat im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte eine gründliche methodische Durcharbeitung erfahren. Schon Dürer widmete seiner Methode ausführliche »Unterweisung«. Diese Gattung der zeichnerischen Darstellung konnte durch die Reform keine nennenswerte Förderung erfahren. Eher könnte man von einem Zurückdrängen und teilweisen Verkennen sprechen. Was die neue Schule auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Zeichnens an Vorwärtsdrängendem brachte, das war eine stärkere Betonung der wissenschaftlichen Freihandskizze.