Man wird beim Skizzieren lebender Tiere übrigens gut daran tun, im Anfang solche Modelle zu wählen, die still sitzen oder sich nur langsam bewegen ([Abb. 64]). Leichter fallen dem Anfänger Vögel als vierfüßige Tiere. Darum beginne man mit der Skizzierung von Hühnern, Gänsen, Enten, bevor man sich an Pferde, Hunde, Katzen, Rehe u. a. Säugetiere wagt ([Abb. 65], [66] und [67]). Dabei wird es darauf ankommen, dem Tiere zuerst eine günstige Stellung – Seitenansicht (man vgl. Hahn und Henne auf [Abb. 65] und Tauben und Gans auf [Abb. 67]) oder Vorderansicht (man vgl. [Abb. 65] links) – abzugewinnen, bevor man versucht auch schwierigere Haltungen (man vgl. die Gänse vor der Futterschüssel in [Abb. 67], sowie den Papagei und die Enten) wiederzugeben.

Abb. 64

Abb. 65

Abb. 66

Abb. 67

Die menschliche Figur ist bekanntlich das erste Modell, das sich das kleine Kind beim Beginn seiner zeichnerischen Laufbahn erwählt. Das gleiche tun der Naturmensch und der Künstler, der das Höchste und Letzte erstrebt. Die menschliche Figur steht am Anfang und am Ende der künstlerischen Darstellung. Sie ist also das Leichteste und das Schwerste zugleich. Das Leichteste, insofern es sich um die schematische, das Schwerste, sobald es sich um die anschauungsgemäße Wiedergabe der menschlichen Figur handelt. Man hat darum die menschliche Figur als Ganzes zuweilen ganz aus dem Schulzeichnen verbannt und sich mit der Darstellung einzelner Glieder – der Hände, der Füße, der Ohren usw. – begnügt. Ich halte diesen Weg für falsch. Wer die menschliche Figur zeichnerisch einigermaßen beherrschen will, der muß sie als Ganzes auffassen und wiedergeben. Freilich kann es sich nur um Skizzen handeln. Bei diesen Skizzen aber sollte die Darstellung von Einzelheiten, von Details zunächst gar keine Rolle spielen. Als geeignete Modelle empfehlen sich für den Anfang wieder Kunstprodukte – die drolligen Steiffpuppen z. B. ([Abb. 68]) – bevor man einen lebenden Menschen in ruhiger Haltung – am besten zunächst von vorn ([Abb. 69]) oder in Seitenansicht ([Abb. 70] a) wiedergibt. Man kann sich dabei eines Proportionsschemas bedienen, wie es bereits Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer konstruierten. Für gewöhnlich aber genügt die Skizzierung einiger Richtungslinien und einfache Blockierung ([Abb. 70] c). Für bestimmte Teile – z. B. für den Kopf – kann die Kopie einer Photographie ([Abb. 71]) oder das Arbeiten nach einem Gipsabguß ([Abb. 72]) dem Anfänger recht wohl zustatten kommen. Ich möchte darum derartige Modelle nicht grundsätzlich ausgeschaltet wissen. Sie stellen gewissermaßen Zwischenstationen auf dem Wege nach der zeichnerischen Wiedergabe lebendiger Natur dar.