Abb. 60

Man wird dabei finden, wie ungleich reicher und detaillierter diese naturgewachsene Wirklichkeit ist als die von Menschenhand hergestellten Erzeugnisse. Auch hier beim Skizzieren einer Pflanze wird es sich in erster Linie darum handeln, die Gesamterscheinung zu charakterisieren: ihre Höhe und Breite anzugeben, die Hauptlinien – bei einem Blatte die Mittelrippen, bei einer Blüte die Grundform, bei einem Baume die stärksten Äste und den Umriß des gesamten Laubwerks – zu charakterisieren und erst später Einzelheiten zu berücksichtigen ([Abb. 61]). Denn alles künstlerische Sehen ist ein vereinfachtes Sehen. Empfehlen wird sich, nicht nur die einzelnen Teile der Pflanze, sondern auch die Zwischenräume mit in Vergleich zu ziehen. Für den Anfänger ist es ratsam, fleißig mit dem Stifte zu visieren, zu untersuchen, welche Punkte senkrecht übereinander, welche in gleicher Höhe liegen usw.

Abb. 61

Abb. 62

Noch schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, ein lebendes Tier zeichnerisch wiederzugeben; denn in jedem Augenblick ändert es seine Stellung. Die natürlichsten Vorstufen wären darum die Tierdarstellungen nach kunstgewerblich erzeugten Tierformen – Kinderspielzeug, Porzellanfiguren u. a. – und nach ausgestopften Tieren ([Abb. 62] a u. b u. [Abb. 63]). Erst wenn man durch hinreichende Übung an diesen stillen, tadellos modellstehenden »Lebewesen« sich eine gewisse Treffsicherheit erworben hat, mag man sich an der zappeligen Wirklichkeit versuchen. Empfehlenswert ist bei Anlage derartiger Zeichnungen das Blockieren der Gesamtfigur; denn erst soll das Ganze der Erscheinung aufgefaßt werden, ehe man an die Darstellung aller Einzelheiten herantritt.

Abb. 63

Beim Zeichnen des lebenden Tieres ist die Mannigfaltigkeit noch ungleich reicher, das Charakteristische ausgeprägter. Für die Zeichner, welche dies Büchlein im Auge hat, wird es nicht darauf ankommen, in der Tierdarstellung irgendeinem Spezialistentum zu huldigen. Darum werden sich ins Detail gehende anatomische Studien der Muskelpartien u. a. nicht nötig erweisen. Bei Vögeln sind Haut und Muskeln mit Federn bedeckt, bei den Säugetieren mit Haaren. Eine gewisse Kenntnis des Knochengerüstes wird genügen, das Wesentliche der Gesamterscheinung einigermaßen treffsicher wiederzugeben.