Durch die Farbe kann übrigens auch eine Raumwirkung erzielt werden, ähnlich jener, die durch die Linienperspektive zustande kommt. Mit zunehmender Entfernung ändert sich die Farbe des Gegenstandes. Wie wir bei weit entfernten Objekten die Details der Linien und Formen nicht mehr unterscheiden können, so vermischen sich für das menschliche Auge auch alle Nuancen der Farbe. Sie verschmelzen und verschwimmen zu einheitlichen Farbflächen. Die dazwischenliegende Luftschicht wirkt mit und zieht einen bläulichen Schleier davor. Man spricht dann von den Erscheinungen der Luftperspektive, die natürlich mit jedem Wechsel der Witterung sich ändern und der Landschaft ihre eigenartigen Stimmungen verleihen.
Wer einen Körper nach seinen Lichtern, Schatten und Farben körperhaft wiedergeben will, muß sich klar geworden sein über den Unterschied zwischen zeichnerischer und malerischer Darstellung. Es wäre irrtümlich zu glauben, die zeichnerische Wiedergabe wolle Linien, die malerische dagegen Flächen darstellen. Wir sahen: beide wollen Körper abbilden, weil die Wirklichkeit nur Körper bietet; aber beide können nur Flächen darstellen, weil sie ihre Bilder auf einer Ebene – auf dem Papier oder auf der Leinwand – entstehen lassen.
Der Zeichner charakterisiert jedoch seine Flächen in der Hauptsache dadurch, daß er ihre Grenzlinien, wozu hier auch die Überschneidungen gerechnet werden können, wiedergibt. Der Maler jedoch läßt die Grenzlinien unberücksichtigt; er gibt hellere und dunklere farbige Flächeninhalte, die durch ihre Helligkeitsunterschiede sich von selbst begrenzen.
Dieser Unterschied bedingt eine verschiedene Technik für die zeichnerische wie für die malerische Darstellungsweise. Man hat eine Zeitlang geglaubt, Malen sei für den Anfänger leichter als Zeichnen, da der Zeichner die Gesamterscheinung in ihren wesentlichen Merkmalen erfaßt haben muß, bevor er den ersten Strich zu ihrer Blockierung ansetzt, während der Maler gewissermaßen von innen nach außen gestaltet und aus einem farbigen Fleck durch allmähliches Erweitern die entsprechende Form gewinnen kann. Es mag sein, daß auf diese Art durch »Pinselspiele« allerlei Figuren entstehen können. Schon auf der Vorstufe, beim Zeichnen nach der Vorstellung ([Abb. 79]). Sobald es sich jedoch um die Wiedergabe der Wirklichkeit handelt, wird es sich nötig erweisen, daß auch der Maler zeichnen kann. Wenn er auch die Grenzlinien nicht wiedergibt, so muß er doch genau wissen, wo die Grenzen seiner Flächen sitzen. Auch für die malerische Darstellung ist eine gute Zeichnung Grundlage.
Die Zeichnung kann auch farbig gegeben werden. Man kann die von schwarzen Konturen eingeschlossenen Flächen farbig eindecken oder die fertige Bleistift-, Tusch- oder Kohlezeichnung mit einer dünnen Aquarellfarbe übermalen, ohne daß die Begrenzungslinien, Licht- und Schattenstellen verwischt oder zugedeckt werden, sondern noch durch die dünne Farbschicht sichtbar sind. Wir können die Konturen selbst farbig geben. Wir erhalten auf diese Weise die farbig eingedeckte oder die farbige Zeichnung.
Abb. 79
Bei der malerischen Behandlung jedoch wird man von jeder Begrenzungslinie absehen. Um jedoch nicht in grobe Fehler oder in »Sudeleien« zu verfallen, empfiehlt es sich für den Anfänger, den Pinsel anzufeuchten und mit Wasserstrichen die Form zeichnerisch zu skizzieren, bevor man sie malerisch darstellt. Auch bei der malerischen Darstellung können die Farben dünnflüssig – besonders beim Untermalen – und dickflüssig – als sogenannte Deckfarben – Verwendung finden. Die Farben können neben- und übereinander gesetzt werden. Es kann »Naß in Naß« gemalt werden, und es kann zur folgenden Farbe gegriffen werden, wenn die daneben oder darunter gesetzte völlig getrocknet ist. Jede dieser verschiedenen Techniken hat ihre Berechtigung. Aber auch hier kann nur ausgiebige Übung lehren, was für den Einzelfall am empfehlenswertesten oder am berechtigtsten ist. Auf der Farbtafel könnte man z. B. den Krug und das Portemonnaie als malerische Darstellung, das Rebhuhn als farbige Zeichnung, den Zweig mit den Beeren als ein Zwischending von malerischer und zeichnerischer Wiedergabe gelten lassen. Bei der Darstellung des Kruges und des Portemonnaies sind keine Konturen, sondern nur Flächen wiedergegeben, und zwar ist in beiden Fällen der farbige Grund des Papiertons mit verwendet, um eine bestimmte getönte Fläche zu kennzeichnen. Bei der Krugdarstellung sind die Mitteltöne in demselben Blaugrau gehalten wie der Hintergrund: Bei der Portemonnaiedarstellung dient der lichtbraune Papierton zur Kennzeichnung der hellsten Flächen des Gegenstandes.
Das Rebhuhn ist gezeichnet und farbig eingedeckt. Man sieht genau die dunkle Kontur, die Grenzlinien zwischen kontrastierenden Körperteilen. Die Zeichnung könnte auch ohne Farbe bestehen. Krug und Portemonnaie hingegen müßten, sobald man die Farben wegnehmen würde, aufhören, sichtbar zu sein. Das wäre wohl auch bei dem Zweig mit den Beeren der Fall; doch arbeitet diese Darstellung – mit Ausnahme der lichteren Stellen auf den Beeren ohne Hereinbeziehung des farbigen Grundtones und setzt ihre Flächen scharf begrenzt – wenn auch ohne eigentliche Kontur – auf den licht gehaltenen Grund.
Am leichtesten ist im Anfang das Arbeiten mit dickflüssigen Deckfarben. Schwieriger gestaltet sich das Darstellen mit dünnflüssigen Wasserfarben, da ein frühzeitiges Eintrocknen bei nochmaligem Überfahren dunklere Flecken oder unschöne Ränder gibt.