Farbtafel
Noch stärkere Geltung gewinnt die Farbe bei der flächenhaften Darstellung, insbesondere beim schmückenden Zeichnen. Das Ornament z. B. gewinnt erst durch die Farbe Leben und Kraft. Hier wird es sich jedoch in der Hauptsache um flüssige Farben handeln, die mit dem Pinsel aufzutragen sind. Bevor man jedoch daran geht, mit Farbe und Pinsel zu arbeiten, wird es sich nötig erweisen, einige Übungen im Farbmischen und im Farbtreffen zu veranstalten.
Zu dem Zwecke drückt man aus den Tuben zunächst die drei Grundfarben oder primären Farben blau – rot – gelb auf die Palette und versucht nun durch Mischung die sogenannten Zwischenfarben oder sekundären Farben zu erhalten. Dabei wird sich etwa folgende Skala ergeben:
| blau | ||
| } | ||
| | | violett | |
| rot | ||
| } | ||
| | | orange | |
| gelb | ||
| } | ||
| | | grün | |
| blau | ||
Mischt man blau, rot und gelb, so erhält man grau oder braun (vgl. Farbtafel!). Dasselbe ist der Fall bei einer Mischung von violett und gelb, von orange und blau, von grün und rot; denn jede dieser Mischungen enthält die drei Grundfarben. Man nennt jene Farbe, die einem bestimmten Farbton noch fehlt, um alle Grundfarben zu enthalten, die Komplementär- oder Ergänzungsfarbe des betreffenden Farbtones. Die Komplementärfarbe zu grün wäre also rot, zu orange blau usw. Bei dekorativen Farbübungen oder bei Verwendung von farbigem Papier kann das Wissen um diese Komplementärfarben gute Dienste leisten und vor häßlichen und unmöglichen Farbzusammenstellungen bewahren. Auf grünem Tonpapier wirkt z. B. rot – die Komplementärfarbe – gut, während gelb und blau einen schlechten Zusammenklang mit grün ergeben. Setzt man die Grundfarben in ihrer Reinheit unvermittelt nebeneinander, so wirkt die Zusammenstellung oft hart und unschön oder schreiend und dissonierend (vgl. Farbtafel!). Um dies zu vermeiden und um einen gewissen Zusammenklang, eine »Harmonie« der Farben zu erzielen, sucht man die Farben zusammenzustimmen. Man gibt ihnen einen einheitlichen Gesamt- oder Grundton. Oder man »bricht« die Farben, indem man sie entsprechend mischt. Man arbeitet dann mit sogenannten Halbtönen (vgl. Farbtafel!), wie ja die Natur dem menschlichen Auge in der Regel gebrochene Farbtöne zeigt und nur im hellen Sonnenlicht unter ganz bestimmten Umständen den vollen Glanz einer ungebrochenen Farbe schauen läßt.
Weiß und schwarz sind eigentlich keine rechten Farben. Sie dienen vielmehr dazu, die Farben aufzuhellen oder nachzudunkeln. Nur mit rot und orange gemischt läßt sich schwarz zur Herstellung eines helleren oder dunkleren Braun verwenden (vgl. Farbtafel!).
Bei derartigen Farbtreffübungen ist mit allgemein gehaltenen theoretischen Anleitungen jedoch wenig gedient. Hauptsache bleiben die praktischen Versuche, da es nicht nur auf die Farbqualitäten, sondern in besonderem Grade auch auf die Farbquantitäten ankommt und jedes mehr oder weniger die Nuance der Mischung ändert.
Besonders schwierig gestaltet sich die farbige Darstellung nach der Wirklichkeit, wie sie bei der körperhaften Wiedergabe körperhafter Objekte mit farbigen Lichtern und Schatten gefordert wird. Der Anfänger pflegt alle Glanzlichter weiß, alle Schlagschatten schwarz zu geben. In Wahrheit kommen jedoch reines Weiß und reines Schwarz in der Natur fast nie vor und sollten bei farbigen Darstellungen nach der Wirklichkeit nur selten Verwendung finden. In der Regel pflegt es bei den ersten Darstellungsversuchen ähnlich zu gehen, wie bei den ersten zeichnerischen Versuchen überhaupt: es wird dargestellt, was man weiß, nicht was man sieht.
Man weiß: der Schnee ist weiß; also wählt man weiß zu seiner Wiedergabe. Man weiß: die Schatten sind dunkel; also gibt man sie schwarz oder grau wieder. Man weiß: die Zitrone ist gelb; also malt man sie auf der Lichtseite hell-, auf der Schattenseite dunkelgelb. Dem Auge aber, das Farben sehen gelernt hat, wird diese Wiedergabe unwirklich erscheinen; denn der Schnee ist nur auf bestimmt geneigten Flächen fast weiß; die darauffallenden Schatten sind blau oder violett, rötlich oder bräunlich, je nach den Reflexen, die vom Firmament und von den farbigen Gegenständen selbst ausgehen. Man wird darum die Farbe des Gegenstandes und die Farbe seiner Erscheinung streng auseinanderhalten müssen. Jedes Objekt erleidet in seiner farbigen Erscheinung eine starke Beeinflussung durch die Umgebung, in der es sich eben befindet, durch Tages- und Jahreszeit. Es gibt kaum einen größeren Zauberer als das Licht, und es zählt zu den reizvollsten Aufgaben, die mannigfachen Veränderungen zu studieren und wiederzugeben, die ein Körper in seinen Eigenfarben erleidet, sobald das Licht wechselt, das ihn umspielt.