Abb. 82

Die Umsetzung dieser mechanischen Darstellung durch den Apparat in eine Zeichnung erfordert sicher ein weitaus größeres Maß von Überlegung, von technischer Erfindungsgabe als die Darstellung nach irgendeiner Zeichnung; denn gerade die Umsetzung einer Photographie in zeichnerische Technik stellt Probleme. Sie wird verschieden ausfallen je nach Material und Werkzeug. Der Pinsel ([Abb. 82] a) arbeitet anders als Bleistift ([Abb. 82] d) und Feder ([Abb. 82] e). Eventuelle Verwendung zu dekorativen Zwecken erfordert die Stilisierung ([Abb. 82] b) der Naturform. Die Wiedergabe wird verschieden ausfallen, je nachdem nur Flächen, nur Umrisse oder auch Licht und Schatten wiedergegeben, ob ohne oder mit Farben dargestellt werden soll und was der Probleme sonst noch sein mögen.

Ebenso einseitig wie die Forderung, alle Vorlagen auszuschalten, ist die, alle Modelle zu verwerfen, die nicht der Natur entnommen sind; denn es ist schwer, die rechte Grenze zwischen Natur und Zeichenmodell älteren oder neueren Stils genau zu bestimmen. Wollte man unter »Natur« nur das ohne Zutun des Menschen Gewordene, das Naturgewachsene – die Pflanze, das Tier, den Menschen – gelten lassen, so müßte eine Menge von Modellen in Wegfall kommen, die gerade der moderne Zeichenunterricht bisher ausgiebig benutzte: Gebrauchsgegenstände, Tische, Stühle, Zimmereinrichtungen, Häuser usw. Läßt man aber diese »Natur«, die im Grunde genommen »Kultur« ist, gelten, so sehe ich keinen zwingenden Grund, warum man gewisse Zeichenmodelle grundsätzlich ausscheiden will. Zwischen einem Tennisschläger und einer griechischen Palmette ist – soferne man beide Kulturerzeugnisse als Modelle für den Zeichenunterricht wertet – kein wesentlicher Unterschied. Beide sind Körper mit flächenhaftem Charakter, der eine aus Holz, der andre aus Stein; beide stellen ähnliche zeichnerische Probleme, soferne sie dargestellt werden sollen.

Modelle für den Zeichenunterricht liefert – großzügig gedacht – die Welt des Sichtbaren überhaupt. Was der zeichnerischen Bildung aus dieser Welt des Sichtbaren dienstbar gemacht werden kann, ohne gegen die Forderungen der Kunst und der Psychologie zu verstoßen, das sollte nicht doktrinär verworfen, sondern in den Dienst der Sache gestellt werden, um den Lernenden so weit zu fördern, daß er nicht nur zeichnerisch darstellen kann, was er in Wirklichkeit vor sich sieht, sondern auch auszudrücken vermag, was sein Seelenauge schaut. Erst dann wird der zeichnerische Ausdruck das werden, was die besten der Reformer für ihn erhoffen und erstreben: eine durch nichts zu ersetzende Sprache mit eigenartigen Mitteln und eigenartigen Wirkungen für den geistigen Verkehr der Einzelmenschen und der Völker untereinander.

In dieser Hoffnung möchte ich Abschied nehmen von den verehrten Lesern, die mir auf meinem »Weg zur Zeichenkunst« bis hierher gefolgt sind, und ihnen ein »Glück auf« zum Weitermarschieren zurufen. Was ich geben konnte, sind allerdings nur gute Ratschläge gewesen; doch wenn sie imstande waren, zu eigenem Tun anzuregen, so haben sie ihre Aufgabe erfüllt; denn in der Moral wie in der Kunst ist – nach einem alten Sprichwort – Reden nichts, Tun alles.


Bücherschau.

Ich möchte diese Arbeit nicht schließen, ohne noch auf ein paar Werke zu verweisen, deren Studium ich all denen anraten möchte, die in ihrem Streben nach zeichnerischer Vervollkommnung eingehendere Anleitung wünschen, als sie in einem kleinen Bändchen gegeben werden konnte. Dabei sehe ich ab von eigentlich methodischen Arbeiten, so groß heutzutage ihre Zahl auch ist und so treffliche Leistungen darunter sein mögen.