Abb. 14. Hans Memling, Die Hölle.
Der Höllensturz der Verdammten, das ist belgische Malerei, belgische Komposition, belgischer Geist. Michelangelo hätte daran wohl keine Freude gehabt, weil hier jeder Formalismus versagt. Aber unverständlich bleibt, wie der Belgier Rooses dies Bild tadeln konnte, weil es ein phantastischer Traum sei, zu unruhig und versplittert, um uns beim ersten Anblick zu packen, zu derb von Malerei, und zu unedel von Form, um uns »bei näherer Untersuchung zu befriedigen«.
Die Unruhe ist immer in Rubens und die episodenhafte Reihung, diese unendliche Verknotung der Einzelbilder ist echt nordisch, ist vom Geiste Boschs und Breughels und Lambeaux' und Rops'. Und wo anders als hier wäre diese rassige, germanisch-flämische Komposition künstlerisch angebrachter, geistreicher?
Dieser Höllensturz, für dessen Komposition auch der holländische Komponist der »Nachtwache« allen Sinn gehabt haben muß, ist ein Signum flämischer Stärke.
Abb. 15. Bosch, Die Hölle. Flügel eines Gemäldes im Eskurial.
Wie wirbeln und überstürzen sich diese Kaskaden verdammter prächtiger Leiber. Welch vielmaschiges Netz mit unzähligen zappelnden Gestalten. Welch unlösbare Verkettung von Richtungen und Knäueln. So viel Richtung in Rubens' Milliarden von Scharen, in der Auferstehung der Gerechten, so viel unglückseliges, chaotisches Hin und Her hier in Licht und Schatten, in feurigen Gluten und rotem Rauch. Die Panik der Weltenmassen gegeben in Farben und Richtungen. Und welches Auge fürs Einzelne. Wie üppig die rosigen, prallen Leiber, wie fahl und gelb die schwammigen Alten. Und wie die Teufel die Leiber packen und krallen und werfen, würgen, zerren, stürzen, spießen und hängen.
Italien konnte anderes. Das konnte nur ein Flame.
Nicht überlegen ist italische Kunst der nordischen. Rubens und Michelangelo – jeder in anderer Schale – halten die Wage im Gleichgewicht.
Schon lange vor Rubens sind in Belgien Höllenbilder von großer Vorstellung gemalt worden. Durch die Wirklichkeit nackter Körper ragt hervor Memlings Jüngstes Gericht (Abb. 14) in Danzig, das für einen Florentiner Kaufmann gemalt wurde. Das ist bezeichnend für den Ruhm der damaligen belgischen Malerei. Ihre starke Realistik, ihre Phantastik mußte auffallen. Höllenmalerei ist und bleibt tatsächlich in Belgien für lange ein ganz besonders reich beschenktes Gebiet.