An handgreiflicher Wirkung läßt das Bild nichts übrig.
Und wenn auch unsere Mediziner sagen, das sei ganz unmöglich, einem lebenden Menschen die Haut abzuziehen wie einem toten Hasen – auf die Zeitgenossen und auf uns Unbefangene wirkt der Vorgang so wahrhaftig, daß wir beim Anblick des roten enthäuteten Fleisches schon fast den üblen Geruch einer Anatomie zu atmen glauben. Was Schnaase von der volkstümlichen Wirkung des, eine Zeitlang nach Paris entführten, Bildes erzählt, ist für den im Bilde gewollten und von den Bestellern anerkannten Realismus nur eine Bestätigung. Das Publikum umdrängte das Bild wie eine leibhaftige Hinrichtung.
Der Realismus ist auch sonst stark – war er's unbewußt auch in der Darstellung der völlig teilnahmslosen Richter und Zuschauer und Henker?
Ich glaube es, abgesehen von der Gewöhnung des flandrischen Volkes selbst an solche Hinrichtungen, weil ähnliche Bilder dieser Zeit, so realistisch sie auch sonst sein mögen, kaum ein leises Entsetzen – eher ein verstohlenes oder gar offenes Behagen an dem Anblick des Gemarterten verraten.
Noch ein Holländer, in einer belgischen Stadt lebend, hat sich durch zwei Bilder ungewöhnlich grausamer Hinrichtung beliebt gemacht bei den Belgiern:
Dierik Bouts.
Dierik Bouts, der Stadtmaler Löwens, bekam diese echt belgischen Aufträge. »Das Martyrium des heil. Hippolit« das neuerdings dem »Meister von Brabant« zugeschrieben war, hängt in der Erlöserkirche zu Brügge (Abb. 9). Das Martyrium des heil. Erasmus (Abb. 18) ist in der Peterskirche zu Löwen. Das Zerreißen eines Lebenden in vier Teile war häufig genug. Aus den belgischen Sagen braucht hier nur an die Genovefasage und die Hinrichtung Golos erinnert zu werden.
In beiden Bildern keine Spur von Entsetzen. Nur einer der Zuschauer nimmt die Körperzerreißung mit jener Spur von Mitleid auf, wie wir etwa eine leichte Tierquälerei auf der Straße. Dem Schergen links macht die Aufgabe entschieden Freude. »Das ist doch mal was anderes als Henken.«
Und den Henkern des Erasmus sehe ich, entgegen sentimentaleren Kritikern nur die Mühe ihrer Arbeit an; nichts weiter. Beim Bärtigen links ist das nicht zu bezweifeln. Der zusammengekniffene Mund des andern könnte als leichte mitleidige Regung aufgefaßt werden, wenn nur nicht die Augen in weite Ferne, an dem Gemarterten ganz vorbei schauen würden.
Doch nun Vorsicht vor falschen Schlüssen auf den Volkscharakter und vor Mißverständnissen.