»Haben Sie "overalls"?« fragte Billy den Feuerroten nach dem Essen. »Wir möchten unsere Kleider schonen.«

»Jawohl,« meinte er. »Das nenn' ich christlich. Die Italiener sin' nich' so sauber. Könnt' ihr haben. Wäsche auch.«

Er fischte aus einer Truhe die blauen Arbeitshosen hervor, sackartige Affären, in die man hineinkletterte und sie sich über den Schultern zuknöpfte; Flanellhemden und derbe Wäsche. Dann kauften wir uns noch Tabak und bezahlten zu seinem großen Staunen bar, statt uns den Betrag später abziehen zu lassen. Dann ging's ins Bett. Einer der beiden Schlafräume war von den Italienern voll besetzt, so daß wir im Nebenraum allein schliefen. Saubere eiserne Feldbetten standen da, frisch überzogen, und in der Ecke war einfaches Waschgeschirr, aber ebenso sauber.

»Die Arbeit ist schwer,« erklärte Billy, »so schwer und verhältnismäßig so schlecht bezahlt, daß sich Amerikaner nur selten und dann nur kurze Zeit dafür hergeben. In den sections gibt's fast nur Italiener. Aber die Lebensbedingungen sind gut.«

Im Dämmergrauen am nächsten Morgen wurde gefrühstückt, eine sehr solide Mahlzeit, und kurz nach Sonnenaufgang ging's hinaus auf den Schienenstrang zur Arbeit. Auf handcars. Das sind Draisinen einfachster Konstruktion, deren Räder genau auf die Geleise passen, mit Pumpgriffen versehen wie eine Feuerwehrspritze. Durch das Auf- und Niederdrücken der Handgriffe überträgt sich die Kraft auf die Axen. Wir "pumpten" uns mit Eilzugsgeschwindigkeit vorwärts bis zum Arbeitsplatz des Tages. Dort lagen riesige Haufen von weißglänzenden neuen Eichenschwellen, die gegen die alten ausgewechselt werden mußten. Die Arbeit war bitterhart, denn es mußte im Eiltempo gearbeitet werden. Der Amerikaner duldet kein Zeitvertrödeln. Mit Stahlhammer und Stemmeisen wurden die schweren Klammern herausgeschlagen und dann die alten verfaulten Schwellen unter den Schienen hervorgezerrt. Die neuen Schwellen mußten eingeschoben, niedergeklammert (ich lernte es schnell, den riesigen Hammer zu führen) und in den Kies des Schienenbetts eingestampft werden. "Tamponieren" hieß der Fachausdruck dafür. Mit langen eisernen Stangen, deren Ende schräg abgestumpft war, wurde unter die Schwellen hineingestoßen, bis Schwellen und Untergrund eine feste Masse waren. Auf dem "boss", dem Herrn, dem Vorarbeiter, ruhte gewaltige Verantwortlichkeit, denn es mußte nach der Wasserwage gearbeitet werden, damit die Schienen völlig horizontal blieben, und an Kurven mit der erhöhten Außenschiene war sogar eine recht schwierige Kalkulation erforderlich. In Deutschland hätte ein Ingenieur solche Arbeit geleistet. Hier tat's ein alter Irländer, der kaum lesen und schreiben konnte. Ein Praktiker, unter dessen Aufsicht vierzig Meilen Schienenstrang standen, für dessen Beschaffenheit er und nur er allein verantwortlich war. Er mußte dafür sorgen, daß nicht verfaulte Schwellen das Geleise unsicher machten, er wechselte Schienen aus, er grub raffinierte Abzugskanäle, wenn Grundwasser den Bahndamm bedrohte, er patroullierte mit seiner Handvoll Leute täglich die Riesenstrecke, über die er herrschte. Die Eisenbahngesellschaft machte den simplen Praktikus zum Selbstherrscher und holte so die denkbarste Höchstleistung aus ihm heraus. Sie zwang ihn zu denken! Zu organisieren! Und so leistete er weit mehr, als wenn er in bureaukratischem Befohlenwerden und Gehorchen gleichgültig sein Tagewerk getan hätte. Dafür bezahlte ihn die Bahn gut und ließ ihn an der Beköstigung seiner Arbeiter Geld verdienen.

Von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang wurde gearbeitet, mit einer kurzen Pause dazwischen, in der das mitgebrachte Lunch verzehrt wurde. Jeder Muskel am Körper schmerzte. Der Rücken wollte mir beinahe brechen vor lauter Hämmern und Stoßen und Schaufeln. Aber ich arbeitete darauf los – aus Leibeskräften. Denn ich wollte hinter keinem zurückstehen. Und ich begriff bald den Zweck der Arbeit, ihre Feinheiten. Selbst gröbste Arbeit hat ja ihre Tricks.

»Das is' christlich!« sagte O'Flanagan, der boss, als wir abends müde und zerschlagen auf die Draisinen stiegen. »Billy ist extraprima, Joe is gut un' der Deutsche wird noch gut. Das is mir verdammt angenehm. Weg von den Handgriffen, ihr drei! Pumpen sollen nur die Italiener; bin froh genug, daß 'mal gesegnete Christen da sin', denen man eine Wasserwage und einen Maßstab in die Pfoten geben kann!«

So wurde die abendliche Patrouille, die sich jedesmal über mindestens zwanzig Meilen erstreckte, für uns zu einer Spazierfahrt. Unsere Bevorzugung führte natürlich zu Händeln, bei denen es im italienischen Lager prachtvolle blaue Flecken um die Augengegend gab. Das mag sehr roh gewesen sein – aber es war sehr schön!

Man arbeitete, man aß, man kroch früh am Abend todmüde ins Bett. Ein Tag war wie der andere. Nur an den Sonntagen schlief man bis in den hellen Tag hinein und las am Nachmittag die Zeitungen der Woche. Es dauerte nicht lange, so wurden meine Hände schwielig und meine Muskeln eisenhart. Aber ich versäumte an keinem Abend die Handeinreibung mit Glyzerin und die sorgfältige Nagelpflege, die Billy mir mit wahrem Fanatismus vormachte. Man müsse Hände und Finger gut behandeln, wenn sie nicht ewig die Schaufel führen sollten, pflegte er zu sagen. Ein diszipliniertes Hirn sorge unter allen Umständen für ein diszipliniertes Äußere! Billy war weise.

Vierzig Tage waren vergangen, als der Extrazug mit dem Zahlmeister kam, der die Sektionen des Bahnsystems ablohnte, und wir bekamen unser Geld. O'Flanagan richtete es so ein, daß die Patrouillenfahrt an jenem Abend uns bis zur nächsten westlichen Station brachte.