Für meine beiden Nickel bekam ich ein schmutziges Pappstück, die Quittung, die mich berechtigte, über Nacht hier zu hausen.

»Kannst hier sitzen oder gleich nach hinten gehen un' dich hinschmeißen,« murmelte er. »Wie dir's verdammt angenehm ist!«

Eine Petroleumlampe mit rußgeschwärztem Schutzglas hing an der Decke, und ihr trübes Licht schimmerte in sonderbarem, bald gelblichem, bald rötlichem Schein durch die grauen Massen von Rauch und Dunst hindurch. Zwei lange Tische standen in dem mächtig großen Raum, und auf den Bänken vor ihnen saßen viele Menschen. An einer Bar im Hintergrund hantierte ein altes Weib, emsig beschäftigt, in riesengroße Gläser Bier einzuschenken. Alles schrie und lachte und fluchte durcheinander. Erstaunt, entsetzt war ich am Eingang stehengeblieben und sah gedankenlos einem schmierigen Menschen zu, der neben mir am Boden hockte, sich den Rock ausgezogen hatte und fluchend die Riemen losband, mit denen sein linker Arm fest an die Körperseite geschnallt war.

»Was beim Teufel gibt's hier zu schauen?« fuhr er mich endlich an. »Heh? Hast noch nie 'ne angebundene Pfote gesehen?«

Da begriff ich. Der Mann war ein Scheinkrüppel; ein Bettler, der ein Gebrechen heuchelte.

Mein erster Impuls war, wieder umzukehren. In den Boden hinein hätte ich mich schämen mögen. Dann dachte ich an die Kälte draußen und an die wenigen Pfennige in meiner Tasche. Es mußte ertragen werden – doch eine Nacht nur, das schwor ich mir. Um nicht allzusehr aufzufallen durch Stehenbleiben, setzte ich mich auf die Ecke der nächsten Bank, wo noch ein Plätzchen frei war, und zündete mir mechanisch eine meiner letzten Zigaretten an. Wenn man nicht rauchte, war es nicht zum aushalten in dieser Luft.

So war ich nun mitten unter den Armen und Elenden der Riesenstadt am Mississippi, anstreifend an einen Menschen mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Rock in Fetzen an ihm herabhing und der sich die Hände wohl lange nicht mehr gewaschen hatte, so schmutzig waren sie. Ich wußte wenig damals von Armut und Elend, von ihren Ursachen und Wirkungen; ich mag unduldsam gewesen sein, wie es die empfindliche Nase und die empfindlichen Ohren reinlicher Jugend sind – aber mir schien es, als hätte ich in meinem jungen Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen, etwas so Erbärmliches wie diese Männer in diesem Raum. Von Schmutz starrten alle. Die zerschlissenen Kleider, die eingebeulten Hüte kamen mir grotesk vor, unnatürlich und häßlich nicht zum sagen. Ein Grauen packte mich – man muß älter sein, als ich es damals war, um die Ärmsten der Armen mit verstehenden Augen betrachten zu können. Die Sprache, die ich hörte, war widerlich wie ein verfaulendes Ding.

»Eh – du! – Sohn einer Hündin – hast 'n verfluchtes Zündholz?« fragte da einer den andern.

Die Antwort ist nicht wiederzugeben. Das Wort vom Sohn einer Hündin wurde von jedermann gebraucht; es ging von Mund zu Mund, als sei es ein Kosename der Brüderschaft der Elenden. Ich kannte den Ausdruck wohl; in Texas und im Westen, wo Fluchen und Derbheit zu Hause sind und es keinem Menschen einfällt, selbst den stärksten Ausdruck übelzunehmen, galt dieses Wort als das Unsagbare, als die Beleidigung. Wer "son of a bitch" sagte, wollte bis aufs Blut weh tun und – griff gleichzeitig nach dem Revolver. Das Wort hat schon manchen Todschlag verschuldet. Und hier wurde es grinsend gesprochen und mit Lachen angehört. Die Flüche jagten sich. Es war eine Orgie in Häßlichkeit für Auge und Ohr …

»Nix gemacht heute, heh?« fragte mich der Zerlumpte neben mir. »Soll ich dir ein Glas Bier bezahlen? Ja – 's ist hart genug im Winter in dieser verdammten Stadt!«