»Natürlich. Der runde Kreis ist ein Blutstropfen, und zwar ein Tröpfchen Ihres Blutes, mein Junge, und die Punkte und Striche, die Sie ganz richtig rostbraun nennen, sind die Malariaparasiten, die in Ihnen rumorten! Denen haben wir den Garaus gemacht!«
… Es war ein sonniger Nachmittag in den ersten Novembertagen, klar und kalt, als ich aus der Pforte des Hospitals wieder in die Welt hinaustrat. Trübselig schaute ich an mir hinunter. Die barmherzigen Samariter in dem ziegelroten Gebäude dort hatten in einem Punkt ein ganz klein wenig gesündigt; in einer Kleinigkeit, aber in einer wichtigen Kleinigkeit. Meine Kleider waren, wie es nach der Vorschrift geschehen mußte, in Dampf desinfiziert worden und sahen nun betrüblich aus; so zerknittert und ungebügelt, daß ich mir zerzaust vorkam wie Freund Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf Kleingeld – weniger als ein Dollar, und so hieß es sofort Arbeit finden in der großen Stadt.
»Ein gesunder Mensch, der keine Arbeit findet, ist entweder bodenlos dumm, oder auf eine bestimmte Art von Arbeit versessen, die es im Augenblick eben nicht gibt!« hatte Billy immer gesagt.
Gesund war ich wieder und für bodenlos dumm hielt ich mich nicht. Es mußte gehen! Freilich, der junge Mensch, der viele Monate lang da draußen im weiten offenen Land gelebt und nur für simple Menschen gearbeitet hatte, fühlte sich fremd zwischen den ungeheuren Wolkenkratzern, den eleganten Läden, den hastenden Leuten. Es war nicht gar so einfach, da den Hebel anzusetzen. Die Stunden zerrannen.
Ich war eine sich senkende abschüssige Straße hinabgegangen, eine menschenwimmelnde, schmutzige Straße, mit Hunderten von kleinen Läden, und stand nun an ihrem Ende, vor einer Hölle von Lärm und Arbeit. "Levee" hieß es auf dem breiten Straßenschild an der Ecke.
Ein schmutzig gelber Strom, riesenbreit, wälzte träge seine Wassermassen dahin, in einem Getümmel von Dampfbooten mit vielen Stockwerken, die eines hinter dem andern den Kai säumten. In der Ferne ragte das Stahlwerk von Brücken empor. Tausende, Abertausende, Millionen von Säcken und Fässern und Kisten waren längs der Dampfer aufgestapelt, und dazwischen huschten mit polternden Karren Tausende von Menschen hin und her. Ein lärmender Wagenverkehr erfüllte die Levee, die sich unübersehbar weit den Fluß entlang hinzog mit ihrer Häuserreihe und der rauchqualmenden Linie von Dampfern den Häusern gegenüber. Ehrfurchtsvoll fast starrte ich auf die Fluten dieses Stromes der Ströme – als Bub schon war mir sein tönender Name etwas Geheimnisvolles gewesen: Mississippi. Ich schaute und staunte und trieb mich in dem Lärm umher. Meine Not vergaß ich ganz, bis Schneeflocken zu fallen anfingen und in beginnender Dunkelheit die Häuserreihe drüben in grellem elektrischem Licht aufflammte. Es wurde immer kälter. In einem Restaurant, das mit großen roten Buchstaben im Schaufenster versprach, für 10 Cents eine Mahlzeit zu liefern, aß ich ein "Lammhaché" und trank eine Tasse Kaffee –
Du mußt Geld haben! Du mußt Arbeit finden! Was hätte ich nicht darum gegeben, wäre nun Billy neben mir gesessen – er, der Schwierigkeiten weglächelte und immer genau wußte, was zu tun war, und wie man die Dinge anpacken mußte. Verstohlen zählte ich mein Geld. Es waren 70 Cents. Einen Augenblick lang wollte es mich überkommen wie lähmender Schrecken, dann gab ich mir einen Ruck: Der morgige Tag mußte Arbeit bringen. Bei Tagesanbruch mußte ich auf den Beinen sein und so lange suchen und so lange fragen, bis ich etwas fand.
Als ich aus dem warmen Raum wieder hinaustrat in den wirbelnden Schnee, fror ich erbärmlich. Es war bitterkalt da drunten am Mississippiufer. Schon wollte ich einen Polizisten aufsuchen, um mich nach billiger Unterkunft zu erkundigen, als mir ein grelles Transparent auffiel, über einem Hauseingang angebracht, aus dem es hervorleuchtete: Lodging! 10 cents, 15 cents, 25 cents! Einen Augenblick lang zögerte ich. Wußte ich doch von Billy, daß in derartigen Logierhäusern, in denen man für wenige Cents schlafen konnte, der Abschaum der Großstadtmenschheit sich herumtrieb. Aber es war ja nur für eine Nacht. Ich trat ein. Im Hausflur hing ein zweites Transparent, eine Hand mit ausgestrecktem Finger, die zu einer Türe an der Seite hinwies.
Rauchiger Qualm schlug mir entgegen, als ich die Türe öffnete, stickig, atemraubend, verpestet; ein Höllenbrodem von Menschenausdünstung, furchtbar überheizter Luft und schalem Tabaksrauch. Auf einem Stuhl neben dem Eingang saß ein Mann in Hemdsärmeln, der krachend die Türe hinter mir zuwarf, als ich eingetreten war; unter ärgerlichem Gebrumm über die verdammte kalte Luft da draußen.
»Zahlen!« sagte er und streckte mir die Hand hin. »Zehn Cents!«