»Der Mann bin ich!« sagte ich. »Nimm das Ding nur wieder herunter von der Wand! Und nun zeig' mir den Weg, mein Sohn!« Die Tätigkeit des Geschirrwaschens erschien mir zwar einigermaßen komisch. Aber es war Arbeit, und Arbeit brauchte ich.

»Kommen Se mit,« sagte das Kind mit einem herablassenden Kopfnicken, denn in seiner Weltvorstellung stand ein Hotelpage natürlich turmhoch über einem angehenden Geschirrwäscher.

Und in fünf Minuten war ich von einem pompösen Küchenchef, der englisch, deutsch und französisch wirr durcheinander sprach und ein quecksilbernes Bündel von empfindlichen Nerven schien, in aller Form als Töpfeputzer Nummer 2 des Palasthotels angestellt. Arbeitszeit von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, Essen und Wohnen frei, dreißig Dollars im Monat, Abgang von der Stelle nur am 17. eines jeden Monats …

Die Küche der Riesenkarawanserei, die sich Palasthotel nannte, wäre jeder Durchschnittsfrau als der siebente Himmel von silberfunkelnder und kupferglänzender Küchenschönheit erschienen; jede Frau hätte den ungeheuren Herd, die Köche in schneeweißen Anzügen, die blitzende Sauberkeit überall staunend bewundert. Jeder Durchschnittsmann aber wäre vor dem Getriebe nervöser Hast in dieser Küche entsetzt geflüchtet! Ich wenigstens hab' mir aus dem Arbeitsmonat in jenem Küchenreich einen unbezwinglichen Widerwillen gegen alles, was Koch heißt, mit hinübergenommen ins Leben. Diese Köche waren eitel wie die Pfauen, nervös wie hysterische Weiber und unverschämt wie reiche Parvenus. Sie zankten sich untereinander in einem endlosen Geschnatter von Französisch und Englisch und Deutsch und Italienisch, und verfluchten sich gegenseitig in alle Tiefen der Hölle, bis der großmächtige Küchenchef aus seinem Privatbureau trat. Dann schwenzelten sie devot um die Majestät der Küche herum.

Mir bedeutete das kleine Gemach an der Küchenseite, in dem ich arbeiten mußte, mit seinen ewig nassen Steinfliesen und seinen marmornen Putzbecken von allem Anfang an eine Miniaturhölle, die in alle Ewigkeit dazu verflucht war, in heißen Dampf gehüllt zu sein und ein immer sich erneuerndes Chaos von rußigen Kupferkesseln und Kasserolen und Töpfen in allen Größen und Formen zu beherbergen. Man kam sich vor wie Sisyphus – gegen Unmöglichkeiten anarbeitend. Ohn' Unterlaß rannten, wie aus Kanonen geschossen, zappelige Köche in die Türe und warfen mit vielen Sapristis und Nom de Dieus und Hells mir ganze Kupferberge vor die Füße, während ich im Schweiße meines Angesichts mit harten Bürsten und scharfer Salz- und Essiglösung putzte und wusch. Es ist lustig, sich an lächerliche Kleinigkeiten zu erinnern; ich verspüre heute noch das verzweifelte Entsetzen, das mich immer überschlich, wenn ich glücklich den letzten von Hunderten von Töpfen blitzsauber hatte, und dann auf einmal eine Höllenschar von Köchen Dutzende und Aberdutzende schmutziger Kasserolen in meine Miniaturhölle feuerte!

So leicht die Arbeit an und für sich sein mochte – kein Faden blieb einem trocken am Leib! Ich war Nummer zwei. Nummer eins, ein Südfranzose, arbeitete von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Um ein Uhr nachts gingen die Köche nach Hause, und es wurde still in der Riesenküche. Meine Arbeit aber begann eigentlich erst, denn von den späten Theatersoupers war immer noch ein Regiment von Töpfen da. Dann aber hieß es, jedes Stückchen Metallglanz in der Küche putzen. Den Herd entlang, der die ganze eine Längswand einnahm, lief ein Anrichtetisch aus solidem Kupfer, an die fünfzehn Meter lang. Der mußte blitzblank sein. Der Herd mußte geschwärzt, seine Metallteile geputzt werden; die Pfannen an dem Gerüst über dem Anrichtetisch sollten blinken und leuchten und genau nach Größe geordnet sein. Da waren noch die Messingbänder der Geschirrwaschmaschinen, ungeheurer Bottiche, in denen Plattformen durch elektrische Kraft rotierten und die aufgestapelten Teller und Platten mechanisch reinigten. Da waren die Küchenfliesen zu waschen. Jede Minute der zwölf Arbeitsstunden mußte ausgenützt werden, wenn ich fertig werden wollte. Um 6 Uhr morgens dann schlich ich mich in das winzige Zimmerchen im sechsten Stockwerk, in dem der Südfranzose, Nummer eins, und ich zusammen hausten, ohne uns jemals zu sehen als eine Minute lang am Morgen und am Abend, wenn wir uns ablösten.

Heute noch kann ich kein Kupfergeschirr sehen, ohne mit Grauen an die elegante Küche des Palasthotels und ihre Höllenarbeit zu denken! Diese Küche war eine der Sehenswürdigkeiten des Hotellebens von St. Louis, mit Stolz gezeigt – aber unter Vorsichtsmaßregeln. Wurden Besucher ins Küchenreich geführt, so ertönte schrill eine elektrische Glocke. Das Glöckchen der neugierigen Affen wurde sie genannt. Ihr Schrillen war das Signal zu vornehmem Dekorum. Die Köche ließen, wie durch Zauberspruch gebannt, ab vom Schimpfen und Schnattern; die Mädels bei den Geschirrmaschinen banden sich rasch frische Schürzen um und gaben sich Mühe, recht niedlich auszusehen; ich mußte die Türe zu meinem Putzreich schleunigst zumachen. Und die neugierigen Affen sagten dem Chef Schmeicheleien über den lautlosen Betrieb … Ich aber fluchte innerlich und zählte mir an den Fingern die Tage bis zum 17. Dezember ab und wunderte mich, ob es denn Männer geben könne auf dieser Welt, die Töpfeputzen im Palasthotel länger als einen Monat aushielten. Prompt um 9 Uhr morgens bat ich Seine Majestät den Küchenchef um eine Anweisung auf die Hotelkasse.

»Es ist merkwürdig,« meinte der Chef, »daß wir mit dem Personal des Putzraumes so häufig wechseln müssen. Die Arbeit ist doch leicht. Nun, wenn Sie das Geld durchgebracht haben, können Sie wieder vorfragen.«

»Thank you!« sagte ich.

Als ich aber für die Arbeit von fünf Wochen ein Bündel von dreiundvierzig Dollarscheinen zärtlich in die Tasche steckte, mischte sich in meine komische Wut auf jene Hölle kupferner Greuel leise Dankbarkeit, und froh wie ein aus Qual Erlöster zog ich meinen besten Anzug an. Starkenbach hatte mir auf meine Bitte meinen Koffer ins Hotel geschickt. Ein Zettel lag obenauf: