Damit drückte er mir ein Bündel der seidendünnen Papierchen in die Hand und führte mich ins Nebenzimmer an den verwaisten Tisch des Mannes mit dem Beinbruch. Ein Herr, der an einem zweiten Tisch saß – es war der Polizeireporter – stand auf, klappte die Hacken zusammen und stellte sich vor: Pressenthin!
»Ein Härr Carlé, lieber Härr Referendar,« erläuterte das graue Männchen, »der mür helfen würd, das vertrackte Zeug der Associated Preß Luderchen in anständiges Deutsch zu bringen. Übersetzen Sü nach Gutdünken, Härr Kollege – lassen Sü den Mist weg und spinnen Sü die besseren Sachen ein wänig aus. Fabrizieren Sü gute Überschriften und heben Sü mir, bitte, die Originale auf. Nun, wür werden ja sehen!«
Mit brennendem Eifer machte ich mich an die Arbeit und fand, daß das Übersetzen der mit der Schreibmaschine auf dünnes Seidenpapier vervielfältigten Zeitungstelegramme kindereinfach war. Das erste Telegramm schon war niedlich. Ein pathologisch anormaler Arzt in Chicago hatte sich das merkwürdige Vergnügen geleistet, auf offener Madison Street in Chicago am hellichten Tag alle Damen zu küssen, denen er begegnete, und war natürlich eingesperrt worden. Während ich diese echt amerikanische Sensationsnachricht übersetzte, fiel mir auch schon eine Überschrift ein – ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor, sind Sie des Teufels?« Ich fand die Spitzmarke so nett, daß ich vergnügt vor mich hin kicherte. Nach einer halben Stunde kam der Depeschenredakteur wieder:
»Lassen Sü einmal sehen, Härr Kollege. Ist das schon alles fertig? Menschenskind, das gefällt mür. Häh! Hoh! Herr Doktor, sind Sie des Teufels? Ausgezeichnet, mi fili; häh, gute Idee – wir beide werden schon miteinander auskommen!«
So war ich nun ein Rädchen in der großen Maschine der Tagespresse; ein winzig kleines Rädchen freilich, ein krasser Rekrut in der Armee der Männer von der Feder. Die Neuigkeitsdepeschen der Associated Preß, des Wolff-Bureaus der Vereinigten Staaten, kamen natürlich in englischer Sprache und mußten nicht nur in Deutsch übersetzt, sondern auch bearbeitet werden. Denn im Original waren sie trocken wie Stroh und sachlich wie ein Gothaischer Hofkalender. Die Associated Preß versorgte Ihre Majestät die Presse mit nackten Tatsachen und nichts als Tatsachen. In den ersten Tagen übersetzte ich glatt. Aber das graue Männchen mit der komischen Nase war ein journalistisches Genie, ein Enthusiast, der es meisterhaft verstand, in wenigen gelispelten Worten unschätzbare Winke zu geben.
»Düs üst ein knochiges Skölett,« pflegte er zu lächeln. »Zaubern wür dem Skölett ein bißchen Fleisch auf die Knochen! Presto! Eins, zwei, drei – die Geschüchte ist furchtbar einfach …«
Und dann wattierte er eine magere Depesche mit einigen Sätzen fein stilisierter Einleitung; machte mit einem geschickten Wort hier, mit einem Schlaglicht dort die trockene Meldung interessant, ohne sich jemals an der Wirklichkeit der Tatsachen zu vergreifen. Denn ein Schuster müsse mit seiner Ahle umgehen können, und ein Journalist mit den Raffiniertheiten der geschriebenen Sprache.
»Das üst grobes Handwerk, mi fili! Dü feinen Instromente des Zeitungshandwerks aber stecken oben im Schädel, und um sie zu schleifen muß man lesen – zehntausendmal so vül lösen als man schreibt. Lesen Sie, Mann, lesen Sü, wenn Sie nur können, und Sie werden dem alten Depeschenmenschen noch einmal dankbar sein.«
Begeistert war ich von der Arbeit der Zeitung. Das kleine Zimmerchen bei der Witwe Dougherty sah mich nur zur Schlafenszeit, denn die engen, ungemütlichen, lärmerfüllten Redaktionsräume der Westlichen Post waren mir ein Paradies, das unwiderstehlich lockte. Ich war der erste, der morgens kam, und der letzte, der spät nachts ging. Wenn ich in der Frühe das Redakteursexemplar durchstudierte und in richtiger Jungeneitelkeit die Depeschen, die ich bearbeitet hatte, mit dem Rotstift anstrich, war ich stolz wie ein König und fand bescheiden, daß doch ein gewaltig großer Teil der Zeitung aus meiner Feder hervorgegangen war … Und wenn der gute alte sächsische Doktor brummte: »Sü machen sich – Sü machen sich, mi fili!« dann hätt' ich mit keinem Dollarkönig in keinem Dollarwolkenkratzer getauscht. Ich glaube, ich war eitel wie ein Pfau, wie es Bruder Leichtfuß ja sein mußte nach dem Riesensprung vom Kesselputzer zum Redaktionstintenfaß – und oft dachte ich mit jenem Respekt, mit dem man an eingetroffene Prophezeiungen denkt, an die Worte, die mir der alte Rektor des Gymnasiums von Burghausen einst ins Dimissionszeugnis geschrieben hatte: »Die Leistungen dieses Schülers hätten weit bessere sein können; hervorzuheben wäre nur eine gewisse Gewandtheit im deutschen Aufsatz und sein Interesse für die englische Sprache.« Hoh! Diese Gewandtheit und dieses Interesse brachte mir jetzt zwölf Dollars in der Woche und Träume, die unter Brüdern Hunderttausende wert waren. Und glückselige Briefe schrieb ich nach Hause, so stolz, als sei meine Ernennung zum Chefredakteur nur eine Frage höchst kurzer Zeit – –
War der Lausbub lächerlich eitel, so war er mindestens ebenso neugierig und dreimal so enthusiastisch. In dem Enthusiasmus rosenroter Jugend, der über die schwierigsten Schwierigkeiten mit einem Hopla-hop hinwegsetzt, weil er sie gar nicht erkennt! Jahre später hörte ich einmal bei einem Klubdiner von Zeitungsmenschen in New York einen Toast von Jakob Pulitzer, dem großen Zeitungsmann, der die Zirkulation seiner Zeitung "World" in kaum einem Jahr auf eine halbe Million hinaufgetrieben hatte und sich vor einigen Jahren erschoß, weil er unter der Last seiner ungeheuren Pläne zu einem armen Nervenbündel geworden war.