»Meine Herren – es lebe die Jugend!« toastete Jakob Pulitzer. »Die Jugend lebe; die tolle unverschämte Zeitungsjugend, meine Herren, die voller Arbeitskraft ist und voller Begeisterung; die noch enthusiastisch genug ist, um in einem Reporterstückchen ein welterschütterndes Ereignis zu sehen! Geben Sie mir Jugend, meine Herren, die nichts Besseres verlangt, als zwölf Stunden im Tag arbeiten zu dürfen, die nichts weiß von Geld und Frauen und Lebenskunst, die darauf losstürmt und naiv schildert, was sie sieht – und ich zeige Ihnen den Weg zum großen Zeitungserfolg. Männer von weiser Erfahrung als kommandierende Generäle an der Spitze der Ressorts und tolle Jugend in Reih und Glied! Wir lenken nur. Wir sichten. Die rohen Werte aber schafft die Jugend. Es lebe die Zeitungsjugend, meine Herren!«
Mein Enthusiasmus kannte keine Grenzen. Es schien mir, als sei das alte Sprichwort herumgedreht – als müsse es heißen: Aller Anfang ist leicht! Dem Jungen, der keine Verantwortung kannte und auf sie gepfiffen haben würde, hätte er sie gekannt, der kaum die Anfangsgründe des Journalismus kennen gelernt hatte, schien das Getriebe der Zeitung ein Spiel. Die rasche Arbeit des Depeschenübersetzens ließ viel freie Zeit übrig, die es mir erlaubte, dutzende und aberdutzende von englischen Zeitungen im Tag zu lesen und nach Herzenslust umherzuschnüffeln. Überall pfuschte ich hinein. Herr Pressenthin, mit dem Spitznamen Herr Referendar, den er aus seiner deutschen Juristenzeit mit hinübergenommen hatte ins neue Land, versah das wichtige Ressort der Polizeireportage und trieb sich tagsüber auf der Polizei und in den Gerichten herum. Wenn er dann abends kam, war der Hüne mit dem urgemütlichen sanftgeröteten Gesicht und den biervergnügten Äuglein todunglücklich. Und wenn er endlich seine sieben Bleistifte gespitzt und seine Notizen zurechtgelegt hatte, ließ er sich vorerst eine Flasche Bier holen. Dann fing er an zu jammern:
»Ogottogottogottogott, das Leben ist schwer und zeitraubend – ogottogott, was soll ich nun wieder schreiben über den Mist!!«
Fünf Minuten darauf hatte er sich sicher in irgend einer schauerlichen Partizipialkonstruktion so festgerannt, daß er beinahe weinte! Mir war's ja eine persönliche Ehrung, wenn ich nur arbeiten durfte, und so manche gräßliche Polizeigeschichte hab' ich zusammengedichtet, während der gute Referendar mit seiner Bierflasche auf und abging und mir die Tatsachen diktierte. Dafür hatte er dann immer das gleiche Lob: »Menschenskind, Sie sind gewandt wie ein Affe …«
Und da war im Nebenraum ein schwindsüchtiger armer Teufel, ein stiller junger Mensch, stets tief über den Zeichentisch gebeugt.
»Darf ich zusehen?« pflegte ich Herrn Westermann, den Zeichner, zu fragen. »Aber es ist mir ja eine Ehre, Herr Kollege!«
Dann konnte ich stundenlang zusehen, wie die Stahlnadel Linien und Schraffierungen in die Kreidefläche grub. Es war ein eigentümliches Illustrationssystem, jetzt schon längst veraltet, glaube ich. Herr Westermann zeichnete die Illustrationen der Tagesereignisse mit feinem Stahlstift in mit harter Kreide dick ausgelegte Zinkplatten. Mit fabelhafter Geschicklichkeit. Sobald der Stift die Zinkplatte erreichte, (durch die Kreidelage durchkratzend) bedeutete das Auftauchen des grauen Zinkuntergrundes den wirklichen Zeichenstrich, dick oder dünn, je nachdem der Untergrund bloßgelegt wurde. Diese Kreideplatten, mit Blei ausgegossen vom Stereotypeur, ergaben ein Negativ, das dann stereotypiert und so im Druck zum Positiv ward.
Oder auf einmal schlug schrill der Feuertelegraph an, der die Redaktion mit der Hauptfeuerwache verband – eins, zwei, drei Schläge, Großfeuer – Pause, ein, zwei, sieben Schläge – im 7. Distrikt. Ein Blick auf die Feuerdistriktkarte, die an der Wand hing, und holtergepolter sauste ich mit dem Feuerreporter und dem Zeichner die Treppe hinunter. Während der Feuerreporter die wichtigen facta zusammentrug, Brandursache, Versicherungshöhe und dergleichen, stand ich nur und schaute, und schrieb dann in fliegender Eile ein Bild des Geschauten nieder, um in Seligkeiten zu schwelgen, wenn der Lokalredakteur meine Federphotographie in Borgis durchschossen zum Setzen gab.
Das Glück erreichte seinen Höhepunkt, als ich nach den ersten Wochen auf einmal fünfzehn Dollars Wochengehalt bekam und zu allerlei selbständigen Reporteraufgaben in die großen deutschen Vereine und auf ihre Bälle geschickt wurde, denn es war ja Faschingszeit. Man wurde feierlich empfangen auf solchen Bällen! Die Ehrenkarte der Westlichen Post war ein Talisman, der ganz mechanisch die schönsten Verbeugungen der Herren Vereinsvorstände produzierte, Vorstellungen nach links und rechts, Liebenswürdigkeiten von jungen Damen, und – vor allem eine sauber ausgeschriebene Liste der "prominenten" Teilnehmer, damit der Herr Doktor (ich!) von der Westlichen Post auch ja niemand vergaß. Und der Herr Doktor wurde stets zu Sekt eingeladen –
Klar und scharf traten auf den Bällen und Festlichkeiten von Turnvereinen und Liedertafeln die Eigentümlichkeiten des Deutschamerikanertums hervor. Der sonderbare Kampf zwischen alter Anhänglichkeit an die Heimat und dem Anpassenmüssen an das neue Land. Zum allergrößten Teil waren die St. Louis'er Deutschen der wohlhabenden Kreise schon längst amerikanische Bürger geworden und behalfen sich, so gut es eben ging, mit dem alten Deutschamerikanermotto: