»Unser Deutschland ist uns die Mutter, zu lieben und zu ehren; das Land des Sternenbanners ist uns die Frau, mit der man durch dick und dünn geht …«

Sie pflegten deutschen Sang und deutsche Gemütlichkeit, tranken deutsches Bier und importierten deutsche Kartoffeln aus den Vierlanden, weil sie doch anders schmeckten als die wässerigen amerikanischen Gewächse. Sie wetterten gegen das verdammte Muckertum und die Weiberwirtschaft in der amerikanischen Gesellschaft, und arbeiteten mit Geld und Einfluß gegen die frömmelnde Sonntagsheiligung, die Theater und Restaurants am Sonntag hermetisch verschloß. Aber sie zersplitterten sich auch in Kleinigkeiten der Vereinsmeierei und persönlichen Eifersüchteleien; zersplitterten sich so, daß die ungeheure politische Macht, die das Deutschtum von St. Louis bedeutete, niemals geschlossen in die Wagschale geworfen werden konnte. Deutsch fühlten sie sich auf ihren Festen. Im Alltagsleben aber hatte das Muß der Dollarjagd, die Formlosigkeit, die Hast, das Vorwärtspeitschen des "amerikanischen" Geschäftsmannes sie in den Krallen. So naiv ich war, so lachte ich doch, als mir ein merkwürdiger deutscher Herr, der mir als sehr reich und "prominent" geschildert worden war, auf solch einem Ball einmal sagte:

»Es ist 'was Schönes um die deutsche Gemütlichkeit, aber beim Dollar hört die Gemütlichkeit auf. Mei' Sohn lacht, wenn ich will, daß er deutsch sprechen soll, und sagt er könn' kei' money machen mit dem Deutschreden!«

Selbst auf den deutschen Bällen sprach ja das junge Volk nur Englisch und redete höchstens mit den Eltern ein barbarisches Gemisch von Deutsch und Englisch:

»Poppa (Papa) gib mir ein wenig small change (Kleingeld); ich mecht mir ein ticket (Karte, in diesem Fall: Los) für die lottery kaufe! Es gibt schene prizes von valuable (wertvolle) Gegenstände –«

Und ebenso barbarisch mahnte die brave Mama, während der Papa das Kleingeld aus der Hosentasche zog: »Geh nur, mein Kind; aber tanz' mer net zu much« (viel), »damit du mir keine Kohld ketsche tust!« (to catch cold – sich eine Erkältung zuziehen.) Und eine bildhübsche junge Dame sagte mir einmal als höchstes Kompliment: »Sie sehen wirklich gar nimmer deutsch aus!«

Ausnahmen waren da; starke, selbstbewußte deutsche Männer. Die Mehrzahl aber lebten in einem sonderbaren Zwiespalt völkischer Gefühle – bald deutsch empfindend, bald von der sonderbaren Angst gepackt, vom Vollblutamerikanertum als nicht ganz gleichwertig angesehen zu werden. Sie kreuzten die deutsche Flagge und das amerikanische Banner in ihren Vereinssälen und wußten nicht, sollten sie nun links schielen oder rechts, sollten sie nun Deutschland, Deutschland über Alles singen oder Heil dir, Amerika! Sie waren manchmal ein ganz klein wenig komisch und wirkten sonderbar in ihrer Zwiespältigkeit in kleinen Dingen. Und dennoch hatte dieses amerikanische Deutschtum einen gewaltig großen Zug, der hoch über allen Eigentümlichkeiten stand: Den ehrlichen Instinkt des deutschen Mannes, der sich die Finger sauber hielt von den Geldschwindeleien und der schmutzigen Wühlarbeit der Stadtpolitik, der seine Frau ehrte, ohne sie zum Luxusspielzeug zu machen wie sein amerikanischer Nachbar – der nur einen greulichen Fluch übrig hatte für die Salbung und den Sonntagsschwindel amerikanischer Pfaffen. Und immer stärker wird das Rückgrat der deutschen Männer in Amerika, je stärker das Reich wird; immer größer die Zahl der Deutschen, die in den Vereinigten Staaten tüchtige Arbeit leisten und doch stolz Deutsche bleiben. Die es nicht so wie früher für richtig halten, nach sechs Monaten in Dollarika vors Gericht zu laufen und die berühmte Formel der Bürgererklärung zu schwören:

»Ich erkläre es unter Eid als meine Absicht, Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika werden zu wollen, und sage allen europäischen Königen und Prinzen und Potentaten die Treue ab, insonderheit dem deutschen Kaiser …«

Bruder Leichtfuß lernte sehr viel in jenen Tagen, ohne es auch nur im geringsten zu wissen. Gedankenlos, so wie ein Kind an der Milchflasche saugt, sog er allerlei wertvolles Wissen in sich ein. Er schnüffelte bei den Setzmaschinen herum und lernte es, das Negativ gesetzter Lettern zu lesen; er gewöhnte sich an die Schriftarten und ihre Namen; er trieb sich in der Stereotypie umher. Der alte Chefredakteur Pretorius der Westlichen Post, der einst Gouverneur von Missouri gewesen war, und auf dessen Stimme heute noch das offizielle Amerika horchte, gab in seinen kurzen Leitartikeln ein wunderbares Beispiel von Knappheit und Klarheit – der Depeschenredakteur lehrte mich flüssigen Stil und brachte mich dahin, zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem unterscheiden zu können – der Lokalredakteur predigte immer wieder:

»Lernen Sie sehen! Wo Sie auch noch hinkugeln mögen in Ihrem jungen Leben und was Sie auch noch anfangen mögen mit sich, lernen Sie sehen! Es wird Ihnen unbeschreiblich nützen. Aus dem Sehen von Einzelheiten erst erwirbt man sich den Blick für den großen Zug des Ganzen. Aus der Gabe, scharf zu sehen, erwächst das Können – für den Zeitungsmann und überall im Leben. An diesem Schreibtisch hier saß einst ein Mann, der einer der größten war in dieser Kunst: Karl Schurz. Jawohl, Karl Schurz war einst Chefredakteur der Westlichen Post und ist heute noch Aktionär. Er, der Deutsche, der es in Amerika zum Minister brachte, konnte sehen, und deshalb konnte er mit unbeschreiblicher Schönheit schildern – weil er in Bildern schrieb und sprach, riß er die Masse mit sich und schritt von Sieg zu Sieg in der Politik. Sehen lernen! Aus den feinen Strichen vieler Einzelheiten entsteht das große Federbild!«