Vor allem aber kristallisierte sich mir aus dem täglichen Lesen unzähliger amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften in ganz mechanischem und instinktivem Erfassen ein scharfes Bild amerikanischer Dinge heraus. Die Kämpfe, die Ziele der beiden großen politischen Parteien des Landes. Das Getriebe des Tages. Tausend beleuchtende Einzelheiten über Frauen, über Gesellschaft, über Sitten. Dann technische Dinge: Die Raffiniertheit der Überschriften, die Federschilderungen in Sensationsprozessen, die ein prachtvolles Beispiel dafür waren, wie aus einer Unzahl von kleinen Bilderchen der große Eindruck geschaffen werden konnte. Ein unbewußtes Lernen war es. Ein Gezwungenwerden zum Denken, zum Mitbeobachten des sausenden Rades der Zeitereignisse. Und dann war da das naive Bewußtsein des jungen Menschen, daß hinter ihm die Macht der großen Zeitung stand. Das gab merkwürdiges Selbstvertrauen! Die Visitenkarte mit der Bemerkung links unten in der Ecke »on the editorial staff of the Westliche Post« öffnete alle offiziellen Türen, und bei Erkundigungen im Rathaus oder bei der Polizei wurde man mit unbeschreiblicher Liebenswürdigkeit behandelt. Der Amerikaner weiß die Macht der Presse zu schätzen.
Mir ist die Geschicklichkeit unvergeßlich, mit der der Polizeichef von St. Louis mich einmal in seinen Dienst einspannte. Vom Polizeihauptquartier war telephoniert worden, man möchte einen Redakteur senden, und da Pressenthin auf irgend einer Gerichtsverhandlung war, mußte ich hingehen.
»Sie sprechen ja englisch, als seien Sie im Lande geboren,« sagte der Mann mit dem kurzgeschorenen Schnurrbart und den scharfen grauen Augen, als ich mich mit einigen Worten vorgestellt hatte. »Ich freue mich stets, wenn ich immer wieder sehe, mit welchem Talent gebildete junge Deutsche sich in unsere Sprache und unsere Art einarbeiten. Rauchen Sie?« (Der Polizeichef bot mir eine Zigarre an.) »Es ist mein Prinzip, den Herren von der Presse gegenüber stets ohne Rückhalt zu sprechen, damit der jeweilige Fall klar daliegt. Ich werde Ihnen also alles über den Fall mitteilen, was ich selbst weiß, unter der Voraussetzung, daß Sie solche Einzelheiten unterdrücken, bei denen ich dies besonders bemerke. Sind Sie damit einverstanden?«
»Ja, gerne.«
»Es handelt sich um einen Mord, und zwar um einen besonders für Ihr Blatt interessanten Fall. Heute früh um fünf Uhr wurde im Hause Nummer 763 der Sunbury Avenue (das ist eine unserer elegantesten Villenstraßen, wie Sie ja wissen werden) um Hilfe gerufen. Der Polizist auf Patrouille eilte herbei und fand ein händeringendes Dienstmädchen, die ihn in den ersten Stock führte. Das Haus ist eine kleine Villa. Dort lag in einem Schlafzimmer eine alte Dame erschossen auf blutüberströmtem Fußboden. Ich wurde aus dem Bett geholt und war um 5½ Uhr mit meinen Detektiven an Ort und Stelle. Folgendes sind die ermittelten Tatsachen: Das Haus gehört einem Herrn Nolden, einem Deutschamerikaner, Kassier der Schlitzschen Brauerei. Mister Nolden befindet sich augenblicklich auf einer Geschäftsreise im Süden. Die Erschossene war seine Frau. Eine Waffe wurde nicht gefunden, und alle Anzeichen deuten auf Mord, dem ein Kampf vorhergegangen sein muß, da die Möbel in Unordnung und die Teppiche verschoben waren. Auf dem Fußboden fanden wir einen ausgerissenen Knopf mit einem Stückchen Zeug noch daranhängend; einen Knopf von einem hellbraunen Mantel. Fußabdrücke eines Männerfußes wurden ebenfalls gefunden, jedoch nur auf der Treppe und auf einer Stelle des Vorplatzes. Die Schußwunde rührt wahrscheinlich von einem 32kalibrigen Revolver her. Nun liegt, da außer dem Dienstmädchen und Frau Nolden niemand im Hause war und Spuren gewaltsamen Eindringens sich weder an den Fenstern noch an den Türen finden ließen, die Annahme nahe, daß das Dienstmädchen einen Liebhaber ins Haus gelassen hat, und daß dieser den Mord mit oder ohne ihr Wissen verübte. Wir haben das Dienstmädchen nicht verhaftet, sie wird jedoch bewacht, um den Mörder abzufassen, wenn er sich ihr nähern sollte. Bitte bringen Sie über das Dienstmädchen gar nichts. Oder nein, deuten Sie so ein bißchen geheimnisvoll an, daß der Chef der Polizei selbst sie zwei Stunden verhörte und daß das Mädchen nicht verhaftet worden sei. Sie ist Irländerin, hübsch, sehr hübsch. So aufgeregt über das furchtbare Unglück, daß sie kaum vernehmbar war. Wahrscheinlich finden wir durch sie den Schlüssel zum Verbrechen. – Nun danke ich Ihnen bestens. Ich habe bereits Detailangaben für Sie zusammenstellen lassen, – hier bitte,« (er reichte mir ein paar Bogen mit Maschinenschrift bedeckt). »Alles Wissenswerte. Genaue Örtlichkeitsbeschreibung und so weiter. Vielen Dank!«
Ich eilte auf die Redaktion und schrieb und schrieb, während der Lokalredakteur selbst in die Sunbury Avenue fuhr, ohne etwas Neues herauszubekommen. Schon war alles gesetzt, als spät abends ein Polizist eine eilige Mitteilung vom Hauptquartier brachte:
»Der Mörder von Frau Nolden ist heute nachmittag vom Polizeichef und dem Detektivsergeanten O'Hara verhaftet worden. Das Dienstmädchen Lizzie Roberts, die Geliebte des Mörders, ist Mitschuldige. Der Mörder heißt Patrick Rafferty und ist Kellner. Die Verhaftung wurde in seiner Wohnung Doverstreet 73 vorgenommen. Sie dürfen verwenden, was ich heute früh über das Dienstmädchen sagte.«
Telephonisch bekam ich noch nähere Einzelheiten über die Verhaftung und beutete dann das Interview mit dem Chef der Polizei weidlich aus …
»By Jove,« sagte der Lokalredakteur, als ich begeistert die Liebenswürdigkeit des Polizeimannes pries, »Sie sind ein unschuldiges Schaf!«
»Aber wieso denn –«