»Weil Sie nichts merken. Weil dieser geriebene Kapitän Green niemals liebenswürdig ist, wenn er nicht die besten Gründe hat. Sehen Sie, in vier Wochen sind die Wahlen. Er selbst steht und fällt mit seiner Partei, der im Rathaus herrschenden Partei, die sich in den Wahlausrufen besonders ihrer guten Polizeiorganisation rühmt. Der Polizeichef braucht Reklame gerade jetzt!! Verstehen Sie? Er hat alles geleitet, alles gemacht, alles verhaftet!!! Und ich wette meinen Kopf, Sie Unschuldslamm, daß er, als er mit Ihnen sprach, schon längst von Patrick Rafferty wußte und nur die Spannung vergrößern wollte. Kapieren Sie? Aber die Geschichte macht sich gut – und so mag es ihm hingehen. Hierzulande wie anderwärts ist man der Presse gegenüber nur dann liebenswürdig, wenn man etwas von ihr haben will, mein junger Freund!«
Ich war gerade in eifriger Arbeit an einer langen Depesche. Da trat der Lokalredakteur ein – und mit ihm ein dicker Herr, der ein wenig hinkte. Eine fürchterliche Ahnung stieg in mir auf …
»Guten Morgen, Doktor Morgenstern!« rief Pressenthin. »Gratuliere zur Wiederherstellung! Nun erzählen Sie uns einmal aufrichtig: War es der Punsch oder war's wirklich das Glatteis?«
»Beides – beides, Sie neugieriger Polizeimensch,« lachte der dicke Herr.
Während ich eine Verbeugung machte und vorgestellt wurde, wünschte ich dem Dicken aus tiefster Seele Pest, Cholera und einen zweiten Beinbruch an den Hals, diesem fetten Engel, der mich armen Teufel aus dem Paradies vertrieb. Ein Gesicht muß ich gemacht haben wie der sprichwörtliche Lohgerber, dem die Felle fortgeschwommen sind!
Das war das Ende; ein klägliches Ende, so schien es mir, der zwei Monate des Glücks. Ein trockenes geschäftliches Ende. Eine Gratifikation von fünfundzwanzig Dollars bekam ich als besondere Anerkennung. Und bei der nächsten Gelegenheit würde ich im Redaktionsstab angestellt werden – und ich solle mich recht oft sehen lassen …
Als ich aus der Redaktion auf die Straße trat, kam ich mir vor wie ein Ausgestoßener. Wie einer, dem Sankt Petrus die Tür zum Himmelreich vor der Nase zugeschlagen hat. Schleunigst lief ich in meine geliebte Bibliothek. Aber die Bücher kamen mir schal vor und die Stille in den Sälen bedrückend, und ich glaube, am liebsten hätte ich geheult damals. Welch' ein Esel Bruder Leichtfuß doch war – welch' ein unbeschreiblich törichter dickköpfiger Junge! Empfindlich wie ein Goldschlägerhäutchen und unpraktisch wie ein Pensionsbackfisch trotz aller Lebensschneid und aller harten Erfahrungen.
So klar lag der Weg da. So einfach wäre alles gewesen! Die guten Menschen auf der Westlichen Post hätten mich, war doch einer liebenswürdiger als der andere, dahin und dorthin protegiert und mir ohne Zweifel im St. Louis'er Deutschtum Stellung verschafft, und im Laufe der Zeiten wäre ich wohlbestallter Redakteur einer großen Zeitung geworden. Ein sonnenklarer Weg!
Es mag Kismet gewesen sein, daß ich mich furchtbar genierte bei den wenigen Besuchen, die ich noch auf der Redaktion machte; daß eine merkwürdige Unruhe und Unzufriedenheit über mich kam. Für einen Narren hätte mich jeder vernünftige Mensch gehalten – denn eines Abends stieg ich im Bahnhof von St. Louis in den Durchgangsexpreß nach San Franzisko, ohne im geringsten zu wissen, was ich in San Franzisko eigentlich wollte!