Innen im Gäßchen drängten sich die Menschen, in steter Vorwärtsbewegung gehalten durch ein halbes Dutzend von Polizisten, deren halblauter Ruf move on –move on … nicht stehen bleiben! – die einzigen Laute waren, die aus der sonderbaren Stille hervorklangen, denn alle Welt starrte und starrte in die beleuchteten Fenster in den winzigen Häuserchen der beiden Seiten des Gäßchens. Was man da sah, schien bald grausame Tragik, bald übergroteske Lächerlichkeit.
Die Fenster waren Schaufenster mit lebendigen Waren. Drei Fenster gab es in jedem Häuschen, bis auf den Boden gehend, und in einem jeden saß auf erhöhtem Podium, lichtübergossen vom Schein einer Glühbirne, ein Weib. Gepudert, geschminkt, künstlich frisiert, angetan mit seidenem Kostüm; ein stereotypes, gemachtes Lächeln wie angefroren auf den Lippen … Wie eine Puppe. Wie eine Wachsfigur fast. So lag Schaufenster an Schaufenster. Bald hätte man am liebsten laut hinausgelacht, denn der Gedanke dieser lebendigen Ware wirkte unsäglich grotesk; bald hätte man sich schämen müssen. Frauen aller Länder und aller Rassen hockten in der langen Schaufensterlinie; Amerikanerinnen, Französinnen, Mulattinnen. Eine winzige Chinesin dort – ein Mädel im japanischen Kimono hier. Und alle lächelten das gleiche gefrorene Lächeln und sahen starr vor sich hin auf die Straße. Darin lag Methode. Dahinter steckte ein guter Grund. Denn die guten Polizeiräte der guten Stadt von San Franzisko duldeten zwar diese Gasse der Groteske, erließen aber fürsorglich besondere Vorschriften. Sie gaben sozusagen den lebendigen Schaufenstern das Siegel behördlicher Approbation. Aber die Glühlämpchen in den Fenstern durften nur eine gewisse Kerzenstärke haben, auf daß kein Fenster mehr leuchte als das andere, und die Ware im Schaufenster durfte sich nicht rühren, niemandem zulächeln, keinem Mann zunicken, auf daß niemand verführt wurde. So wahrte die Friscopolizei das Dekorum. Spielte gravitätisch eine steife Statistenrolle in der Tragikomödie.
Wir beide, Frank und ich, gaben im gleichen Impuls den sonderbaren Wächtern der Heilsarmee am Gasseneingang ein Silberstück, als wir die Gasse verließen. Selbst lustiger junger Leichtsinn wurde nachdenklich gestimmt in der Gasse der lebenden Schaufenster.
»Bad taste,« sagte Frank achselzuckend. »Geschmacklos!«
Und das war ein sehr vernünftiges Urteil.
Zusammen studierten wir den Anzeigenteil des Examiner, zwei Inserate im besonderen. Freund Frank schüttelte bedenklich sein weises Haupt. »Schlimmer als gesalzener cod kann der Bengel ja auch nicht sein?« murmelte er. »Ich probier' es. Schön ist es zwar nicht, aber der Sohn meines Vaters braucht Geld. Jawohl – ich probier' es!«
»Ich auch!« sagte ich, obwohl mir die Sache sehr verrückt vorkam.
So machten wir uns selbander auf den Weg; er zu dem Vater, der Privatstunden in Mathematik für seinen Sohn suchte, ich zu der Familie, die für »zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren gediegenen deutschen Sprachunterricht« ersehnte. Als wir uns eine Stunde später wieder trafen, konstatierten wir unter schallendem Gelächter, daß wir alle beide Respektspersonen geworden waren – Lehrer der Jugend!
Die Mama meiner Zöglinge – ihr Götter! – war eine elegante schlanke Amerikanerin, die das Engagieren eines deutschen Sprachlehrers als etwas furchtbar Nebensächliches behandelt hatte.