Und des Tages streiften wir stundenlang in der Stadt umher. Rom hat den klassischen Namen der Stadt der sieben Hügel. Nun, ein Römer würde sich, wanderte er durch San Franzisko, nur in einem Gefühl der Beschämung und des hoffnungslosen Übertrumpftseins der sieben Hügel seiner Vaterstadt erinnern! Lumpige sieben Hügel! In San Franzisko wimmelt es von Hügeln. Acht, neun – zwölf – oder gar noch mehr. Flach ist die eine Seite der ungeheuren Marketstraße, die die Stadt entzweischneidet, flach dem Hafen zu. Auf der anderen Seite aber streben Hügel empor bis weit hinaus zum Stillen Meer, zur Golden Gate; Hügel mit eleganten Wohnhäusern an holzgepflasterten Straßen, die auf und nieder gehen in scharfen Winkeln, bald steigend, bald fallend.

Und diese ewigen Hügel hinauf und hinab kletterte fortwährend ein Gewirr von Straßenbahnen. Es war ein sonderbares Gefühl, unten zu stehen und von hoch oben einen Straßenbahnzug rasselnd auf sich zukommen zu sehen. Cable Cars wurden sie genannt, Kabelwagen. In der Mitte zwischen ihren beiden Schienen lief eine dritte, gespaltene Schiene, unter der in einem hohlen Raum unmittelbar unter dem Straßenpflaster ein endloses Drahtseil dahinsurrte. Eine Art Riesenzange packte auf einen Handgriff des Führers hin durch den Spalt hindurch das Seil, das dann den Wagen mit sich weiterriß, während bei Haltestellen die Zange ausgelöst und eine starke Luftbremse in Tätigkeit gesetzt wurde. Wie in einer Wellenschaukel kam man sich an besonders schlimmen Stellen vor – vorwärtsgeworfen – rückwärts gestoßen – geschüttelt, gerüttelt …

Weit hinaus gegen das Meer zu streckten sich die stillen Straßen des elegantesten San Franzisko, und weit draußen standen die Paläste der Eisenbahnkönige der Southern Pazific und Union Pazific Eisenbahnen, des Zuckerkönigs Spreckels, des deutschen Ingenieurs Sutro. Dann kam eine wüste einsame Sandstrecke, die nach Nordwesten zum Goldenen Tor, nach Südwesten zum Presidio führte. Eine komische kleine Eisenbahn rumpelte über den Sand dahin, zu einer der schönsten Parkschöpfungen der Welt. Ein Deutscher, der Ingenieur Sutro, hat das Wunderwerk geschaffen. Mitten aus der eintönigen Sandfläche heraus sprießen prachtvolle Baumgruppen und grünende Grasflächen, Blumenbeete und Palmen. Dann Felsengruppen, wieder Palmenhaine, und plötzlich, auftauchend wie eine Zauberwelt, die gewaltige Schönheit des Ozeans. Da eingedrängt in ein Felsentor schroffer Klippen, dort zwischen Himmel und Erde verfließend in die Unendlichkeit. Golden Gate. Das goldene Tor, die Felsenpforte von der Welt des Westens zur Welt des Ostens.

Doch auch der dunklen Flecken gab es in der lustigen Sonnenstadt.

Düster, winkelig, schmutzig stieg unten im Osten, dicht beim Hafen, mitten aus der glänzenden Geschäftsstraße Kearney Street ein bizarres Häusergewirr auf zwei Hügelchen empor. Mit wenigen Schritten trat man aus dem Schein strahlender Bogenlampen und reicher Schaufenster in eine Welt dunkler Schatten – in die Chinesenstadt San Franziskos. Enge Gäßchen. Winzige Häuserchen. Geheimnisvolle dunkle Gänge. Über die Gassen spannen sich leuchtendrote Plakate mit chinesischen Inschriften, Laden lag an Laden, bezopfte kleine Männer mit gelben Gesichtern huschten hin und her. Mehr als das Auge jedoch staunte die Nase, denn wie eine dichte Wolke lagerte ein unbeschreiblicher Geruch über dem Viertel der Chinesen; fremdartig über alle Maßen; jetzt lockend, nun abstoßend. Bald duftete es süß und schwer wie von blühendem Jasmin, bald bedrückend wie schwerer Nebel, bald würzig wie Spezereien – fremde Menschen hatten die Gerüche ihres Landes mit sich getragen über den Ozean. In jedem Gäßchen standen Polizisten (später hat mich mein Freund der Polizeileutnant gar oft durch die Chinesenstadt geführt); denn in den kleinen Häuserchen tief unten in den Gängen, die unterirdisch Haus mit Haus verbanden, hausten Verbrecher und wohnte das Laster. Da waren Opiumhöhlen und chinesische Spielhöllen und Diebskneipen.

»Wär' ich einer der Führer der öffentlichen Meinung von San Franzisko,« sagte Frank, als wir eines Abends wieder die Chinesenstadt durchstöberten, »so würde ich so lange agitieren, bis das Rattennest weggefegt würde vom Erdboden!«

Der Gedanke war nicht eben neu. Kaum ein Tag verging, ohne daß in den Friscoer Zeitungen die "Chinesenstadtfrage" ventiliert wurde. Doch die Chinesen besaßen Geld und wußten gewichtige Dollars da anzulegen, wo sie in Form von einflußreichem politischem Schutz gute Zinsen trugen. So behauptete eben die Polizei, das Chinesenviertel sei ja die schönste Mäusefalle, in der sie Tag für Tag Verbrecher erwische, und die Stadtbehörden erklärten, ein Zusammenleben der Chinesen erleichtere ihre Überwachung. Im übrigen war die öffentliche Meinung von San Franzisko gar nicht empfindlich gegen groteske Zustände:

Sie duldete ja die Straße der lebenden Schaufenster!

Oben auf dem Hügel der Chinesenstadt lag, halb versteckt in winkeligen Häusermassen, ein Gäßchen, aus dem des Nachts heller Lichtschein funkelte, und dem die Müßiggänger in Scharen zupilgerten. An seinem Eingang, links und rechts, standen Nacht für Nacht zwei Offiziere der Heilsarmee. Mit ernsten Gesichtern grüßten sie die Vorbeigehenden und deuteten schweigend auf ein Plakat, das sie zwischen sich ausgespannt hielten und mit Blendlaternen scharf beleuchteten. Auf dem weißen Fetzen Leinwand stand in roter Schrift geschrieben:

»Bruder, lieber Bruder! Sieh dir die Schande an! Hilf uns als Mann und als Amerikaner, mit deiner Meinung und mit deiner Stimme bei den Wahlen, die Schande zu besiegen! Hilf den Ärmsten der Frauen, lieber Bruder!«