Wir aber strichen ein jeder vierundsechzig Dollars ein und lachten auch.
Die Stadt des Goldenen Tors.
Das Erbe der Goldgräber. – Die lustige Königin des Westens. – Von vernünftigen schwarzen Schafen. – Die Stadt der Sieben Hügel übertrumpft! – Kletternde Straßenbahnen. – Im Park des Goldenen Tors. – Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. – Im Chinesenviertel. – Die Straße der lebenden Schaufenster. – Wie der Lausbub zum Professor wurde. – Von Deutsch lernenden Lehrerinnen. – Die amerikanische Frau. – Kluge Mädchenerziehung und törichte Weiberherrschaft. – Die Amerikanerin in Kunst und Leben. – Die Sehnsucht nach der Zeitung.
Stolz nennen sich die Männer Kaliforniens zum Unterschied von den im Land der Sonne wohnenden, aber in anderen Staaten der Union geborenen Amerikanern the Native sons of California, die eingeborenen Söhne von Kalifornien. Stolz sind sie auf ihre Ahnen, die Goldgräber. Diese zähen, eisenharten Goldgräber von anno dazumal, die sich mit Mensch und Natur herumschlugen, bis nur der Starke überlebte, haben die Kraft ihrer Muskeln in Generationen hinein vererbt. Groß, schlank, sehnig sind die Männer des Kalifornien von heutzutage; stolz, üppig seine Frauen. Im scharfen Gegensatz zu den überschlanken Amerikanerinnen der Oststaaten. Noch etwas anderes aber vererbten die Goldgräberahnen: Lachender Übermut steckt diesen schönen Menschen im Blut; der gleiche Lebensleichtsinn, dieselbe Genußsucht, das gleiche Eintrinkenwollen der Freude wie ihren Urgroßvätern. Den Männern des Goldes, die heute arm waren und morgen reich; heute sich ein Vermögen aus der Erde kratzten, um es morgen zu verspielen.
Die Königin des Westens war eine gar lebenslustige Dame. Reich wollten die eingeborenen Söhne von Kalifornien freilich auch werden, gerade so wie die Dollarjäger in Chicago oder St. Louis oder New York, aber keiner vergaß über der Hetzjagd des Dollars das Vergnügen. Die Marketstraße strahlte des Nachts in einem Flammenmeer von Licht. Rechts und links, Seite an Seite fast, schrien Theater, Varietés, französische Restaurants, elegante Bars: Amüsiert euch, Söhne Kaliforniens!
Eine lustige Welt. Tag für Tag und Abend für Abend durchstreiften Frank Reddington und ich die Stadt, eine Woche lang, denn wir waren es ja unseren Händen schuldig, wenigstens ein paar Tage hindurch die Nichtstuer zu spielen. Für was alles diese Hände als Ausrede herhalten mußten! Wenn wir einmal in einem französischen Restaurant speisen wollten, oder wenn eine Bar lockte oder ein Roulettetisch winkte, da mahnte lachend einer den andern:
»Es ist ja eigentlich schade um das sauer verdiente Geld – aber denken Sie nur an unsere Hände!«
Die Puritaner des Ostens hätten sich hier auf den Kopf gestellt vor Entsetzen! In den lustigen Varietés, in die wir gingen, gewissenhaft keines übersehend, setzten sich kichernde Soubretten zu den Gästen an die Tische und zauberten ihnen Vierteldollars für süße Manhattan Cocktails und Brandy Flips aus den Taschen; in den eleganten Bars war stets eine Seitentüre, über der in goldenen Lettern stand: Nur für Klubmitglieder! Hinter dieser Tür wurde Poker gespielt, dort klappten Farokästchen und sausten Rouletten. Klubmitglied jedoch war ein jeder, der einen anständigen Anzug trug und so aussah, als ob er die nötigen Dollars zum Verspielen besitze! Die Aufschrift war eben weiter nichts als eine verbindliche, nette, gemütliche Formsache der Polizei gegenüber. Wir versuchten einige Male unser Glück an der Roulette, verloren eine Kleinigkeit und gewannen dann an einem Abend zusammen über siebzig Dollars! Merkwürdigerweise hörten wir auch zur richtigen Zeit auf! In Franks Zimmer tanzten wir einen wahren Indianertanz der Freude in jener Nacht und beschlossen feierlich, den größten Teil des Geldes in neuen Anzügen anzulegen und niemals mehr als drei Dollars auf dem Roulettetisch zu riskieren.
»Sonst verlieren wir die Geschichte wieder,« grinste Frank. »Ich finde übrigens, mein lieber Junge, daß wir für schwarze Schafe und verlorene Söhne verdammt vernünftig sind! Heh?«