»Oh – aha!« sagte der policeman in deutscher Sprache. »Frisch von drüben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!«

Sprach's und schritt majestätisch weiter. Ich aber guckte betrübt an mir hinab und konstatierte, daß mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknüllt waren.

Da sah ich an der Straßenecke einen pompösen, mit Messingblech verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich begriff, daß das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.

Wie hießen doch Stiefel auf englisch? Richtig – boots. Aber wie drückte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte? Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal, speziell den Lehrern der englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei Übles an den Hals zu wünschen. In Zukunft tat ich das noch häufig. Wie der schöne und wahre Satz: »Die Tugend ist das höchste Gut« auf englisch hieß, das hatte man uns gelehrt; die spartanischen Jünglinge und die verschiedenen Enormitäten ihrer Erziehung – das war ein sehr beliebtes Übersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel putzen ließ – das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu gewöhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den Göttern, daß ich als Primaner in Burghausen so viele englische Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben hatte. Sonst wär' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch!

Nein, das Wort für reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort über meine Stiefel her, bürstete, ölte, frottierte mit sieben verschiedenen Tüchern und erzielte eine glänzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete, während ich meinen Schädel damit quälte, wie ich elegant fragen könnte, was die Geschichte kostete.

»What does that cost?« meinte ich schließlich.

»A nickel – fünf Cents,« grinste der Neger. »Deutsches, heh? Nix englisch, heh?«

Und tief beschämt gab ich ihm meinen Nickel.

Es war so heiß, daß man kaum atmen konnte; es war, als strömten Fluten glühender Luft aus dem Asphalt der Straße. Ich beneidete die westenlosen Herren mit ihren dünnen Jäckchen und die Damen, die Fächer trugen und sich unablässig Kühlung zufächelten; ich wunderte mich, daß trotz der Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine Spiegelscheibe in ein Bankgeschäft hineinguckte und lange Reihen von Angestellten in Hemdärmeln sitzen sah; in eleganten Hemdärmeln, an den Ellenbogen von breiten bunten Seidenbändern zusammengehalten. Aber immerhin in Hemdärmeln. Ich guckte in alle Läden hinein, starrte verblüfft an himmelragenden Wolkenkratzern empor, ließ mich vorwärts schieben im Straßengewühl. Ein Barbierladen brachte mich auf die Idee, mich weiterhin verschönern zu lassen.

Eine Viertelstunde lang saß ich in der Reihe der Wartenden, bis eine der emsig arbeitenden Gestalten in fleckenlosem weißen Linnen mich ansah und rief: