»Ja, ja – ich hab' was übrig für rapides Leben trotz meiner sechzig Jahre. Herrgott, wär' ich noch jung! Könnt' ich noch einmal mittollen! Sehen Sie, ein anderer würde Ihnen sagen, Sie seien verflucht leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr bißchen Geld zu verlieren, anstatt die Centstücke zusammenzuhalten für die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos für ihn wie altes Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionäre nicht leiden, die einem in salbungsvollen Memoiren vorlügen, wie fleißig sie in die Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig für Pfennig sich zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie in harter Plage und getreuer Pflichterfüllung steinreiche Leute wurden. Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen hat noch kein großer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh' hinaus ins Land, würde ich zu einem jungen Mann sagen. Laß dir das Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es ist und nicht wie's in frommen Bilderbüchern steht. Ist einer stark, dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's nicht schade um ihn.«
Meine Augen müssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar mußte es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem alten Mann auf mich über. Da schrillten vom Deck die mahnenden Pfeifensignale des Dampfers.
»Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben,« sagte Herr Johnny Young aus San Antonio. »Beinahe hätte ich's vergessen. Gehen Sie zum Zahlmeister und lösen Sie sich eine Karte für einen Kajütenplatz nach. Der Unterschied für die Strecke Key West–Galveston wird nicht besonders groß sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein, statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch dringende Privatgeschäfte.«
Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das Hüttengewirr.
Ich aber rannte glückselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau zeigte ich dem Purser meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, daß mir bei der Ankunft in Galveston fünfhundert Mark ausbezahlt werden sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in Galveston fällig war, als ich ihm aber erklärte, daß ich von Key West ab im Salon zu fahren wünsche, wurde er sehr liebenswürdig. Verdiente doch der Dampfer dabei Geld.
Meine Koffer ließ ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzüge ließ ich mir aufbügeln von der Stewardeß, ich fiel über die Waschschüssel in der eleganten kleinen Kajüte her, ich probierte ein halbes Dutzend Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball. Während ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdärmeln. Wie war's denn nur möglich gewesen! Die Stewardeß bekam ein Trinkgeld, das sie einen Knix machen ließ. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand ich mich in eitler Selbstgefälligkeit vor dem Spiegel – bewunderte im Eßzimmer die überladene Einrichtung in Weiß und Gold, das strotzende Silber auf dem Bufett – promenierte auf dem segeltuchüberspannten Kajütendeck unter eleganten Damen und Herren – ließ mir vom Steward einen bequemen Deckstuhl bringen und schlürfte aus spitzem Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfällig Jack der Riese unten übers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich, betrachtete mich noch einmal, schüttelte den Kopf und sagte laut und vernehmlich:
»Jetzt will ich aber verdammt sein!«
Beim supper stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach links und erzählte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Miß Daisy Benett, aus Dallas, Texas.
»Wie tapfer von Ihnen, daß Sie dieses gräßliche Zwischendeck studierten!« sagte Miß Daisy.