Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich auf galoppierendem Pferd dahinjagen – sah mich arbeiten draußen in frischer Luft – sah mich als freien Mann, der durch seiner Hände Arbeit sein Brot verdiente … Der Texaner hieß Charles Muchow. Die Farm seines Vaters lag hundert Meilen nördlich von Galveston, bei dem Städtchen Brenham, und morgen schon wollte er die Rückreise antreten, ich mit ihm. Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston gekauft. Wie's mir wohl ergangen wäre, wenn nicht der Zufall mich mit ihm zusammengeführt hätte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit seinem merkwürdigen Selbstbewußtsein und der unerschütterlichen Ruhe gefallen, und während der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.

»Das Mistern ist nicht Mode in Texas,« hatte er gesagt, »und Ihr gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar – einfach Ed!«

Früh am nächsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frühstück ging's zum Bahnhof der Santa Fé Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges trugen in goldenen Lettern die Inschrift: Lone Star Express – Einsamer-Stern-Expreß. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und statt Bänken oder Polstersitzen standen in langen Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnstühle mit weichen Ledersitzen, die sich in alle möglichen Lagen zurechtschrauben ließen. Auf den Rücken der Stühle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern in der Ecke eingepreßt, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben »Lone Star Express«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten den Deckenschmuck des Wagens; überall, an den Wänden, an den Türen prangte die Flagge mit dem einsamen Stern – das Wahrzeichen des Staates Texas.

Der Expreß jagte dahin. Zwischen weiten, weißglänzenden Flächen. Aus tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drückend heiß schon, trotz des frühen Morgens. Unübersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich die ungeheuren Massen von tiefem Grün; Gebüsch, Sträucher, in schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die schwarze Erde. Über dem massigen Grün lag es wie frisch gefallener Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden Schneebällen. Wie Silberfäden und Spinngewebe breitete sich die weiße Schönheit über das ganze Land.

Wir fuhren durch das Reich des Königs Baumwolle.


Im Reich des Königs Baumwolle.

Das Städtchen aus Sand und Holz. – Im Texasladen. – Mr. Muchow Senior. – Der Kampf mit dem Schimmel. – Ein Sommer beim König Baumwolle. – In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen … – Baumwollpflücken und Baumwollmühle. – Die Reklamereiter. – Nigger Slim. – Im deutschen Klub. – Wie aus dem Wald das Feld wurde. – Der Neger. – Die amerikanische Krankheit des Wandertriebs.

»Brenham!« riefen die Kondukteure.

Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen, bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen Lagerplätze, angefüllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen von Fässern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebäude aus nackten Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines weiten Straßenvierecks von Häusern aus Holz, die von Farben flammten. An allen Wänden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grün und Weiß, Reklame in Worten, in Bildern; von den Dächern flatterten Fahnen mit den Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten über den Sandboden vor den Häusern, Männer in farbigen Hemden, rote und blaue Tücher um den Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in scharfem Trab leichte zweirädrige Wägelchen. Pferde überall. Über dem hölzernen Fußweg die Häuserreihen entlang lief, Haus mit Haus verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute Überdachung, eine Art Loggia, ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden, fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das Städtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die grellen Farben, das Hasten und Jagen – mir war, als stünde ich vor dem Tor einer Wunderwelt.