Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mußte sehr genau wissen, wer die Männer waren, die Nachrichten geben konnten, und was die Nachrichten selbst bedeuteten.

»Die Hauptsache müssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen beginnen,« pflegte McGrady trocken zu sagen.

Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine wichtige Auskunft einzuholen, so mußte ich wissen, wer der Mann war, was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drückte auf einen elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In wenigen Minuten kam der Page zurück, mit zwei blauen Aktenmappen, numeriert und überschrieben: Schatzmeister McAllister — Wasserwerke. Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in denen Artikel oder Notizen über McAllister und die Wasserwerke gebracht worden waren. Die überflog man und wußte nun über den Mann und die Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschätzbarem Wert war diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich für den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretär hatte tagaus tagein nichts zu tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der großen Politik bis zu einer Statistik aller Großfeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag.

Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen Dinge, mit denen ich mich beschäftigen mußte, waren wie immer neu vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde zum Götzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft aß, immer sein Glas Bier trank, wo man sich wohl fühlte wie nirgends. Ich würde jeden ausgelacht haben damals, der mir gesagt hätte, daß ich Zeitungsleben und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig aufgeben könnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch stärkere Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten tätigen Schaffens wohl vermögen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand. Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das andere Männer der Arbeit in kargen Freistunden suchen mußten, gab die Zeitung im Dienst.

Das war das Geheimnis des San Francisco Examiners, und es ist und bleibt das Geheimnis der Presse — aller großen Zeitungen aller Länder und Sprachen. Die Zeitung bannt die Männer, die ihr dienen, in einen Zauberkreis. Sie verlangt Unerhörtes an Arbeitskraft und Hingebung, aber Unerhörtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Männern brausendes Leben und gewaltige Macht. Das flüchtig hingeschriebene Wort eines Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend Meinungen zu beeinflussen, vermag Großes in Gutem und Bösem. Wem ihre Spalten offenstehen, der ist Führer und Lenker und Erzieher von Tausenden, ohne daß diese Tausende auch nur seinen Namen kennen —

»Wir sind Männer ohne Namen,« sagte Allan McGrady einmal lächelnd in einer abendlichen Plauderstunde. »In jedem von uns steckt ein Stückchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger, einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die große Masse, zu der wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgültig — von tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir könnten ebensogut Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und Persönlichkeit.« Er lachte. »Und das bißchen Geld? Du lieber Gott, der Mann im Wolkenkratzer da drüben, der altes Eisen billig kauft und teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn wir einmal alt werden und nicht mehr können, dann wirft man uns aus dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Straße. Deswegen sind wir im Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, baby

»Würdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine Million erbtest?« fragte grinsend Jack Ferguson, der älteste Reporter.

»Nein, natürlich nicht!«

»Siehst du!«