»Doktor Gonzales!« schrie ich.

Er kam mit raschen, geräuschlosen Schritten von gegenüber, beugte sich über das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hände, zog die Spritze aus dem Ledertäschchen, füllte sie und stach ein über dem Herzen. Die Hände wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb sich langsam röten. Dann schoß plötzlich gesunde Blutfarbe in die Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des Todes zurückgerissen.

Da schnellte in jähem Wechsel der Körper mit gewaltigem Ruck empor. Die großen Augen starrten, der Mund wollte sich öffnen, wollte schreien — aber die Kehle brachte nur lallende Töne hervor. Die Hände wurden in die Höhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und die Füße zuckten und stießen, daß die Eisenstäbe unten am Bett dumpf klirrten. In gewaltigen Stößen schnellte der Leib auf und nieder. Der Mann wäre aus dem Bett gefallen, hätten wir ihn nicht krampfhaft gehalten. Und während ich noch verspürte, wie unter meinen Händen die zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurück und lag still da. Sein Mund schien zu lächeln.

»Lassen Sie ihn hinaustragen!« sagte der Arzt ganz langsam und ganz leise.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Hat er schlimme Schmerzen leiden müssen?« fragte ich entsetzt.

»Nein!« antwortete Doktor Gonzales. »Nein — aber wir wissen diese Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder Höllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib — wir wissen es nicht. Unter anderen Verhältnissen hätte ich ihn vielleicht retten können. Durch sorgfältige, ständige Ueberwachung, durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche Fleck in diesem Höllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!«


Nein, sie wußten es nicht.

Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein Mitleid, das mich stark machte, denn es ließ vergessen, wie schwach ich selbst noch war. Die Männer des Krieges waren zu Kindern geworden. Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermächte hatte den rauhen Soldaten alles genommen, was stark und männlich und roh und brutal an ihnen war. Nicht äußerlich hilflos nur waren sie geworden wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensäußerungen. Weich und anschmiegend, dankbar über alle Maßen für ein gutes Wort, für ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und mit einem Lächeln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch, sie baten um Brot — wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewiß nicht gesungen hätten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte die Hölle erträglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen Augen, ohne viel nachzudenken darüber ... Es mußte so sein — das mit den übelriechenden Eimern — das mit den schmutzigen Blechlöffeln, mit denen man von Mann zu Mann ging, Milch fütternd, ohne sie abzuwischen oder gar zu waschen — das mit den Kloaken draußen, die fürchterliche Pestluft in den Raum strömen ließen, wenn man im Ein-und Ausgehen die Türen öffnete. Es mußte so sein, denn es war nun einmal nicht anders.

Und ich maß und maß und fütterte hilflose Menschen mit Milch und wusch beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mußte ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwährend veränderten.