Am Spätnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, daß er sich erbrochen haben mußte. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male erregt.
»Herrgott, nimmt es denn kein Ende?« schrie er. »Neger sind doch sonst immun! Muß denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen Krankensoldaten packen, den ich brauche!«
Mit vieler Mühe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir draußen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen müssen, um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die Fiebertemperaturen gleichmäßiger.
»Wir wollen schnell etwas essen,« sagte Doktor Gonzales, »— dann den Toten beerdigen — und dann müssen Sie Ruhe haben. Sie können in meinem Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.«
Wir aßen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dünnen Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein Göttergeschenk erschien.
»Und jetzt müssen wir wieder Totengräber spielen!« sagte Doktor Gonzales, halb lächelnd, halb traurig.
Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflückt hatte, zu seiner Ruhestätte im heißen Kubasand. Tiefe Finsternis umhüllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt, trug eine Laterne, die trübe brannte und das Dunkel nur in winzigem Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwärts mit unserer Last, fanden den Sandhügel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke auseinander, faßten die Zipfel an, hoben den Körper über die schwarze Oeffnung im Sand, bückten uns —
Da fühlte ich, wie der Sand unter meinen Füßen nachgab, und griff mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu stützen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer mehr. Da packte mich jähes Entsetzen, und ich ließ den Zipfel der Decke los, mochte auch die Leiche hinabstürzen. Aber im gleichen Augenblick bröckelte der Boden unter meinen Füßen weg. Ich schrie gellend auf. Wie ein Tier brüllte ich. Ich hörte jemand fallen mit mir — hörte die Laterne klirren.
Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie wie ein Verrückter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum und wußte, daß die Masse unter meinen Füßen der Rauhe Reiter war. Ich brüllte — ich brüllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen. So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit den Nägeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern nach, und ich prallte in hartem Stoß auf das nachgebende weiche Fleisch, das sich zu rühren und lebendig zu werden schien. Als ob der tote Mann nach mir greifen wollte — mich festhalten — —