Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in jener Zeit. Wie ein Kolossalgemälde entstand vor den lesenden Augen aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar großem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber — welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufsätze mit den schreienden Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte eines Krieges, wie sie glänzender, lebendiger, wahrhafter nicht geschrieben werden konnte. Sie waren überall dabei gewesen, die Männer der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Große stets vom Kleinen zu unterscheiden wußten. Lückenlos war der Krieg beschrieben von der fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum; vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitälern. Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten ständig hin und her geeilt zwischen Siboney und der nächsten Kabelstation auf Jamaica — McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San Juan-Hügel — Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit, die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurückgeschreckt war. Sah aber auch, als wäre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen — das Malen des Bildes von der reichen Farbenpalette.

Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte träumend zur Zeltdecke empor.

Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer und die Männer an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch frische Druckerschwärze und hörte dumpf und dröhnend gewaltige Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und die Hetze, das berauschende Arbeitsstürmen und den stillen schweigenden Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Große Sehnsucht kam über mich. Davonlaufen hätte ich mögen. Lächerlich schien mir die Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drückte mich. Sie wollte so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in weiß und roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stück Leben schienen mir diese fünf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem Schauen und köstlich würden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie durften beileibe nicht verlängert werden zu den langen drei Jahren, die der Pakt eigentlich vorschrieb.

Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major war nur wenige Tage früher als ich im Gesundheitslager eingetroffen, nachdem er im Santiagoer Hospital eine bösartige Malariaerkrankung überstanden hatte.

»Was gibt’s, Sergeant?« fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz Offizier. Mit der Gemütlichkeit war es jetzt vorbei.

»Ein persönliches Anliegen, Herr Major!«

»Oh!« Sein Ton veränderte sich. »Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann ich für Sie tun?«

»Ich möchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu befürworten.«

Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schüttelte er energisch den Kopf. »Geht jetzt nicht, Sergeant!« sagte er.