An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte.
Das Kommen des Krieges.
Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. — Die Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. — Die Glückssoldaten in Viriginia. — Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien. — Grausamkeiten. — Die kubanische Junta und New York. — Der Untergang der Maine. — Der Racheschrei. — Kriegserklärung. — Meine große Idee! — Die große Idee funktioniert nicht! — Aber ich muß unbedingt nach Kuba ...
Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden mañana-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia.
Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden die Männer der Virginia nie.
Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich die trocha. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die eine bloße Annäherung an die trocha schon zu einem tödlichen Wagnis machten.
Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der Kleinkrieg. Immer wieder wurden die trocha da und dort in Kämpfen bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten, getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.
Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.
Die Stimmung war gespannt zum Platzen.