Mac unterbrach mich. »Werden verdammt wenig Zeit und Gelegenheit dazu haben! Lassen Sie aber von sich hören. Kommen Sie wieder, so wartet hier ein Platz für Sie; gegen Zeilengeld im schlimmsten Fall.«

Noch ein Händedruck.

Ich habe Allan McGrady nie wieder gesehen.


»B« Company des ersten regulären Infanterieregiments war auf voller Kriegsstärke und ich der einzige Rekrut. Meine Ausbildung drängte sich in Tage zusammen, und wenn der Lausbub auch Lust und Talent gehabt hätte, zu nachdenklicher Besinnung zu kommen, so würde er doch ganz gewiß keine Zeit dazu gehabt haben.

Ein neues Spiel begann. Ein Wirrwarr neuen Lernens. Der alte Korporal meiner »squad« wurde dazu abkommandiert, mich in seine besondere Obhut zu nehmen. Zum Uniformdepot ging es zuerst, und in einer Stunde war ich ein bewaffneter und uniformierter blauer Junge Onkel Sams geworden. Hellblaue Hosen, knappe dunkelblaue Jacke, Mütze. Alles neu, aus ausgezeichnetem Stoff, gut sitzend. Die Sparsamkeiten der Alten Welt, deren Armeen ihre Uniformen von Soldatengeneration auf Soldatengeneration vererben, liebt der Amerikaner nicht. Dafür bezahlt er für seine kleine Armee ein Militärbudget, das fast so hoch ist wie diejenigen der europäischen Mächte ... Mein Bett, die »bunk«, wurde mir angewiesen im Mannschaftszimmer, mit nagelneuen Wolldecken und nagelneuem Bettzeug. Dann marschierte mich der alte Korporal nach einem einsamen schattigen Fleckchen in einer Eichenallee beim großen Paradefeld des Presidio, und heiße Arbeit begann. Leibesübungen. Kommandodrill. Gewehrgriffe. Arbeit von morgens bis abends, aber Arbeit, die mir genau die gleiche Freude machte wie das Lernen auf der Texasfarm und in der Texasapotheke und bei der San Franziskozeitung, denn wie jenes weckte sie den Ehrgeiz, sich geschickt und rasch auffassend zu zeigen. Und dann war’s eine kleine Episode. Das Große lag im Kommenden. Fabelhaft rasch ging’s mit der Ausbildung. Korporal Jameson, der schnauzbärtige alte Kalifornier, verstand sein Soldatenmetier von Grund auf und hielt sich nicht mit langweiligen Wiederholungen auf, sobald er merkte, daß der neue Kompagnierekrut begriffen hatte.

»You’re allright,« sagte er. »Lesen Sie das Zeug selber!« Und gab mir sein Manual of Infantry-Drill, das Infanteriereglement. Da suchte ich mir die einfachen Anweisungen für den Kompagniedrill heraus, während er gemütlich seine Zigarette rauchte, und dann probierten wir’s praktisch.

Wenn ein einziger alter Unteroffizier sich Tag auf Tag einzig und allein nur mit der Ausbildung eines einzigen jungen Soldaten beschäftigt, der weder dumm noch faul ist, so können Wunder an Schnelligkeit erzielt werden. Zehn Stunden und mehr im Tag wurde gearbeitet. Zu dem Infanteriedrill kam während zwei Stunden des Nachmittags Unterweisung im Signaldienst durch den Signalsergeanten Hastings. In Flaggensignalen vor allem, denn so einfach auch der Code des »Wiggelwaggelns« war, so erforderte es doch viel Uebung des Auges und beim Gebrauch des Feldstechers. Aber es war sehr interessant. Die großen Signalflaggen, zwei Meter beinahe im Quadrat und an einer drei Meter langen Stange befestigt, bildeten die Buchstaben durch ein Geschwungenwerden nach rechts und nach links. Die rechte Seite hieß 2, die linke 1. So bedeutete ein einmaliges Schwingen nach rechts den Buchstaben c. Aber in der Signalsprache sagte man nicht c, sondern 2. Alle Buchstaben waren Kombinationen dieser beiden Ziffern. 22, also ein zweimaliges Schwingen nach rechts, bedeutete a; 11, ein zweimaliges Schwingen nach links, bedeutete n; 212, rechts — links — rechts war m. Eine Pause, ein gerades Emporhalten der Flagge vor dem Leib trennte die einzelnen Buchstaben. Ein gerades Niederschwingen der Flagge auf den Boden zeigte das Ende eines Wortes an; ein zweimaliges Niederschwingen den Schluß eines Satzes; ein dreimaliges den Schluß der Depesche. Die Flaggen, die je nach der Witterung, der Sichtigkeit und dem Hintergrund aus Rot mit weißem oder Weiß mit rotem Zentrum bestanden, waren auf sehr große Entfernungen sichtbar. Wir verständigten uns mühelos vom Presidiohügel nach dem Meeresstrand hinunter, eine Entfernung von fast zwei Kilometern.

Noch viel mehr Freude machte mir der Heliographendienst, denn hier konnte eine Geschwindigkeit erzielt werden, die dem Telegraphieren wenig nachstand. Es war ein raffiniertes kleines Instrument, dieser sprechende Sonnenspiegel — zwei auf einer stählernen Querstange angebrachte Spiegel, die sich durch ein Präzisionswerk von Schrauben nach jeder Richtung hin einstellen ließen. Der eine Spiegel wurde durch Korn und Kimme wie bei einem Gewehr scharf auf den Empfänger einvisiert, der andere so, daß er die Sonnenstrahlen direkt auffing. Die beiden Spiegel ergänzten sich und warfen nach den feststehenden Regeln der Lichtspiegelung und ihrer Brechungswinkel zusammen ein glänzendes Licht in Form einer großen künstlichen Sonnenscheibe nach dem anvisierten Punkt.