Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...
Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht, dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich — wie Souder — — ein Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im Wald zu stecken und — nicht sehen zu dürfen.
Fortgesetzt pfiff es über uns dahin.
Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder Fürchterlichkeit.
»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das Glas hervor. »Rechts! Vorwärts — vorwärts!«
Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters.
Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke Ohrmuschel — n — nein — es war nichts — aber es mußte scheußlich nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war.
Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf ein wenig und sah — nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige, wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig schien, aber — zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige Blutmasse.
Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras, Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken, über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp, stand ein Blockhaus.
Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf — ah, jetzt griff er nach dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner vor — bang — auf die braune Linie dort im Hügel — bang — bang.