Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die Ungeduld gebaren. Man mußte warten — man begriff nicht, weshalb in Kuckucksnamen man solange warten mußte — aber es würde schon kommen, oh, es würde schon kommen ... Rührend war es in Wirklichkeit, mit welch prachtvollem, trockenem Humor diese Männer ein Leben ertrugen, das in seiner Härte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden wußten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand:
»Revolver müssen beim Portier abgegeben werden (links — Dreckstraße Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schießen in diesem Vergnügungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert anständigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt!« — in blutigem Hohn auf den Waffenstillstand.
Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen Schützengrabens besagte grimmig: »Warnung! Angeln ist hier verboten!!« Im Hauptschützengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweißwo aufgetrieben haben mochten, allerlei Sprüche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand hineingesteckt wie Gedenktafeln:
»Erzähle mir nicht, o Freund, daß du Bauchweh hast! Deine Symptome interessieren mich nicht. Ich hab sie nämlich selber!« lachte ein Spruch.
»Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Für Kuba hat er seine Schaffensfreudigkeit verdammt übertrieben!« hieß es auf einer anderen Tafel. Ihre Nachbarin sagte:
»Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde Bewegung für dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen; der Stecken lehnt hinten in der Ecke.« Das gab die Einschätzung, in der Señor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder!
So sah der Humor der Schützengräben aus. Grimmiger, harter, verkrustet trockener Humor war es, der ahnen ließ, wie zäh und kraftvoll die Männer sein mußten, die in Krankheit und Schwäche lachen und sich über ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle, zum mindesten nicht gesund.
Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag für Tag, dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in ungeheuerlichen Wassergüssen — und der Viertelstunde klatschenden Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen und Dinge in übelriechenden Dampf hüllte. Morgens und abends lagen stundenlang dick und gelb zähe Nebelschwaden über dem Boden, kalt, feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann schliefen die Männer in den Schützengräben auf nassem Boden in nassen Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil der Regimenter auf dem Gelände hinter den Hügeln Zelte aufschlagen, aber die winzigen Soldatenzelte schützten nur wenig gegen diesen Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Körper und irgend ein Kleidungsstück, doch es nützte nichts. Seife hatten wir längst keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder in ein paar Stunden Regen und Schweiß. Starrer Schmutz war es, in dem man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Männer in den Schützengräben, die nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, überall Schmutz ... Die Nässe verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden Patrouillen nach rückwärts zu den Hospitälern geschickt, um die Stiefel der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen.
Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstückchen und briet sich den breiigen Mischmasch. Trank höllenstarken Kaffee dazu. Einmal kam eine Sendung Büchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig schlechte Behandlung läßt sich auf die Dauer kein Magen gefallen.
So rebellierten zuerst die Mägen. Langsam schlich sich Krankheit in die Schützengräben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half der Humor, das Abschüttelnwollen körperlicher Schwäche, wie es in junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Männer lachten über die recht unangenehmen und schmerzhaften Aeußerungen ihrer gestörten Verdauung und machten lustige Witze, höchst unanständige Witze zumeist, über das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der Zivilisation verengländert mit W. C. zu bezeichnen pflegt. Aber nach und nach verspürte ein jeder immer kräftiger die üblen Folgen der ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanfälle, denen keiner entging. Die schlechten Witze fingen an, gequält zu klingen. Das lustige Lachen von gestern über das berühmte kubanische Bauchweh zog heute nicht mehr. Die Gesichter wurden blaß, und der energische, springige Gang der Regulären träge. Auf das Fieber hätte man schließlich gepfiffen — aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte der schlechtgeröstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig lange sieden mußten. Der Speck schimmerte ölig und durchsichtig, denn die Sonnenhitze hielt ihn ständig in schöner brühwarmer Temperatur. Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der sich höchstens aus ihnen bereiten ließ, wurde einem zum Ekel. Der Magen, der Magen! Er war es, aus dem die üble Laune kam.