Und die Stimmungen!

Wenn ich in den Schützengräben nach dem General oder irgend einem höheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst so unverwüstlich derben und unverwüstlich lustigen Regulären nun auf einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und apathisch da und ließen einen ruhig über ihre Leiber hinwegsteigen, viel zu träge, sich zu rühren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte das leiseste Gerücht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrütteln. Als mich einmal ein Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand), antwortete ich ärgerlich:

»Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington telegraphiert, daß ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen ist!«

»Pfui Deibel!« sagte der Korporal.

Die Männer links und rechts von ihm lachten wie toll und erzählten den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang schallende Heiterkeit auslöste.

Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wußte, daß die Zeiten bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hügel bedrohte, ein schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Männlein da drüben: Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mühe, auf das dumpfe Brausen in seinem Schädel frühmorgens im Nebel nicht zu achten und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil keiner krank werden wollte.


Souder und ich waren brummig oft, und übellaunig, und nicht weniger ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen Leibschmerzen erspart, und er und ich wußten ganz genau, wie es war, wenn einem nach übelriechender Nebelnacht die Fieberfliegen im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanitätssergeanten des Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben ließ, die einem die Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so starkem Interesse an Spannung und Erwartung, daß wir Kopfschmerzen und Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf eine, die wichtig sein würde.

Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die Linie zu S O 3 war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mißvergnügt machte ich mich mit Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald. Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stückchen Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie mit seinem Taschenmesser herausgesägt. Ich schimpfte, wie ein regulärer Signalmann über so lästerlich infame Schändung schimpfen mußte, und reparierte. Weil ich nicht weit von S O 3 war, beschloß ich, bei der Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen Pfad hinter den Hügeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn Zelt an Zelt reihte sich auf der Hügelseite. Hier kampierten die Rauhen Reiter. Plötzlich blieb ich stehen, und heiß und kalt überlief es mich.

War — das — ein Traum — ein Fiebergaukelspiel?