»Wollen wir uns das Auto nehmen, Souder, und ein bißchen nach Washington fahren?«

»Nein!« kam sachlich und klug die Antwort. »Der Hügel unten ist schneeverweht. Wir würden stecken bleiben und erwischt werden. Man muß eine gute Sache nicht übertreiben!«

»Richtig!«

Und mir ist, als hörte ich mein Spitzbubenlachen von damals, und als säße ich wieder in dem komischen Schreibmaschinensessel, mit dem schmalen Lehnenpolster, das einem wie eine Faust in den Rücken drückt — die Hand am Telegraphentaster — vergnügt vor mich hinkichernd über mein Schlausein... Denn ich war es doch gewesen, der den glänzenden Gedanken ausgeheckt hatte, die Automobile des Signalkorps den höchst privaten Zwecken der neun Sergeanten dienstbar zu machen. Wenn nächtlicherweile Offiziere und Mannschaften den Schlaf der Müdigkeit schliefen, huschten wir leise zum Schuppen und sausten wenige Minuten darauf im höchsten Tempo, das die Akkumulatoren nur hergeben wollten, gen Washington. Manchmal spielten wir die großen Herren in den kleinen Restaurants und öfter jagten wir nur planlos übers Land in schierer Freude an jenem Dahinhasten, für das eine spätere Zeit das Wort vom Kilometerfressen geprägt hat, und nie vergesse ich die Nacht auf einer Landstraße irgendwo tief in Virginien, als wir vier Stunden lang totunglücklich über einer Panne arbeiteten, um endlich zu entdecken, daß der Maschine gar nichts weiter fehlte als die Kraft! Wir hatten die Akkumulatoren völlig ausgepumpt. Und in mir ist ein großes Lachen, wenn ich daran denke, wie wir verzweifelt im Laufschritt den schweren Karren vorwärtsschoben, um ein Städtchen zu erreichen, und wie wir endlich dem virginischen Spitzbuben von Nachtaufseher des Elektrizitätswerks seinen Strom mit Gold aufwiegen mußten und wie wir gerade Sekunden noch vor der Reveille heimkehrten. Ach, was waren das doch für schöne Zeiten, in denen man noch hart arbeiten konnte zwölf Stunden lang, und darauf frisch und lustig genug war, die anderen zwölf Stunden in Dummheiten totzuschlagen, um dann seelenvergnügt das Tagewerk von neuem zu beginnen...

Auch jene Nacht, die mit dem Wunsch nach einer Automobilfahrt begann, sollte kein Ende finden. Ich sehe Souder vor mir, wie er vergnügt hereingeschlichen kam, Bierflaschen fürsorglich unterm Arm, Karten in der Tasche, und weiß noch, wie wir behutsam pfiffen auf der Treppe, um den alten Hastings aus seinem ehelichen Schlafzimmer zu locken. Er kam. Auf leisen Sohlen. Im Nachthemd. Da lachten wir leise aber innig, und ein großes Pokern hub an. Die ganze Nacht hindurch. Es dauerte genau bis zur Reveille. Eine halbe Stunde später aber saß ich an der Schreibmaschine, frisch, hellhörig, spitzbübisch vergnügt, und nur meine Augen zwinkerten dann und wann ein bißchen, weil das grelle Licht des jungen Morgens ihnen nicht recht behagen wollte. Ich lächelte gerade im Erinnern an den wundervollen Bluff gegen drei Damen, der mir so um Mitternacht herum gelungen war — da schlug auf einmal die Laune um...

Wie erbärmlich waren diese Vergnügungen! Wie klein und winzig das alles. Der verdammte Sergeantenrock! Er drückte — er tat weh — er schnürte ein. Da saß man nun an der Schreibmaschine und arbeitete die Befehle anderer Leute aus und war giftgrün neidisch im Grunde auf die Offiziersschulterstreifen dieser anderen Leute, wenn man sich's nur ehrlich eingestehen wollte. Unerhört — dieses Leben mit seinen Rekrutendummheiten, dem Pokern, dem einsamen Fort, dem Untergeordnetsein! Und zum zwanzigsten Male so ungefähr in zehn Wochen faßte ich den unabänderlichen Entschluß, eine Eingabe an den Signalchef der Armee zu richten, um meine Entlassung zu bitten, und sie durchzusetzen, und wenn ich bis zum Präsidenten gehen mußte. Diese wiederholten Entschlüsse waren immer ein prachtvolles Barometerzeichen dafür, ob es im Signalfort interessant herging oder nicht. Solange die Automobile neu waren und der Wirrwarr der Organisation groß — da war ich Signalsergeant mit Leib und Seele — als die Arbeitsleistung hübsch eingeteilt wurde und weniger anstrengend — da pfiff ich aufs Soldatenleben — dann kam wieder etwas Neues, und ich war abermals begeistert — —

Draußen fuhr das Automobil vor, das den Leutnant Burnell von Washington geholt hatte. (Der Hügel war also doch nicht schneeverweht!) Das war mir sehr gleichgültig — der Leutnant rutschte immer in Washington herum, zu irgendwelchen Versuchen zum Signalchef abkommandiert — aber ich fuhr entsetzt auf, als er ins Büro trat, anstatt in sein eigenes Quartier nebenan.

»Ach du lieber Gott...«

Denn den Leutnant konnte ich wirklich nicht ausstehen, trotzdem er eigentlich viel liebenswürdiger war als der Major und nie grob hätte werden können wie dieser. Aber er schien mir solch ein langweiliger Geselle. Brutal, wie sehr junge Menschen in der Beurteilung der Menschen neben ihnen nun einmal sind, hielt ich seine Bedächtigkeit für Mangel an Geist, sein Schüchternsein für Trottelei. Er hatte Sommersprossen, die mir mißfielen, und eine Art, sein blondes Schnurrbärtchen zu streicheln, die ich nicht mochte. Dabei aber hatte er trotz aller Schüchternheit etwas Dozierendes, Professorales, und das konnte ich nun schon erst recht nicht leiden.

»Haben Sie viel zu tun, Sergeant?« fragte Leutnant Burnell liebenswürdig.