Der innere Mensch meldet sich verstimmt und hungrig, denn es ist drei Uhr nachmittags, und reichlich spät zum Lunchen. Rasch erst zum Barbier dort an der Ecke. Seine dampfend heißen Tücher, die er auf die empfindliche rasierte Haut auflegt, sein kribbelndes Shampoonieren mit behenden Fingerspitzen machen frisch und lebendig. Dann in die nahe Wallstreet, die Straße der Großbanken, der Börse, des Geldes, die jetzt schon tot, einsam, verlassen daliegt, während sich vor einer halben Stunde noch auf ihren Randsteinen spekulationswahnsinnige Menschen stießen und drängten, um von der flutenden Dollarluft ein Atemschnappen zu erhaschen. Dort in der Nebenstraße liegen enggedrängt die teuren kleinen Lunchrestaurants, in denen ich häufig speise, weil ich noch lange nicht genügend Amerikaner bin, um zur Mittagszeit meinen Magen mit eiskalter Milch und schwerverdaulichem Kuchen zu malträtieren, wie das der richtige Dollarmann tut. Freilich ist mein Essen amerikanerhaft genug. Es ist den aufgepeitschten Nerven ganz unmöglich, in Stille und beschaulicher Ruhe sich mit den Aufgaben des Augenblicks zu beschäftigen, dem Genießen von Speisen. Sondern ich stürze hastig den appetitanregenden Manhattan Cocktail hinunter, schon vertieft in die Seiten eines neuen Magazins — und ich kann auch nicht etwa geruhsam lesen! Weil der Zeitungsteufel einen nie verläßt und sogar beim Essen rumort. Ist der Artikel da gut gemacht? Ist er wirkungsvoll? Wie hättest du das geschrieben? Ich löffle die Suppe, ohne auf den Suppenteller zu gucken, eilig, denn es wird rasch serviert, greife nach den neuen Zeitungen, überfliege die Spalten, empfinde das Gebrachtwerden des Koteletts als Störung, lasse den Inhalt der winzigen Gemüseschälchen gedankenlos kalt werden, vermenge mechanisch das Glas Claret mit sprudelndem Sauerbrunnen.
Aus der Zeitung guckt ein eingebildetes Gesicht hervor, das blasse Gesicht des Schwitzladenmädels. Und da ist der eingebildete Laden. Mit dem Mann dort werde ich kurz, scharf, energisch sein, mich als Polizeimenschen ausgeben nötigenfalls; dem Mädel werde ich wunderschöne Blumen schenken und...
Mein Auge gleitet mechanisch über den Finanzteil der Zeitung, für den mir das Verständnis mangelt und der mich eigentlich kaum interessiert. Es bleibt haften an einer krassen Ueberschrift in fetten Blockbuchstaben, und die paar Worte treffen mich wie ein Schlag:
»Cyrus F. Reddington verschluckt wiederum eine Eisenbahn!«
Es ist mir zwar unendlich gleichgültig, daß der Finanzmagnat eine Eisenbahn gekauft, ihre Aktien an sich gebracht, sie »verschluckt« hat, wie die Zeitung sich echt amerikanisch ausdrückt, aber ich bin entsetzt darüber, daß ich monatelang in Neuyork leben konnte, ohne auch nur ein einzigesmal an Frank Reddington zu denken und ärgerlich obendrein (der neuigkeitjagende Zeitungsteufel ist immer gegenwärtig!), daß ich eine so wertvolle Verbindung so völlig vergessen konnte. Das Schwitzladenmädel ist jetzt wie weggeblasen! Lustige Bilder steigen vor mir auf aus den lustigen Zeiten in San Franzisko, als Frank Reddington, der Milliardärssohn, und ich mit blutigen Händen verdammt salzige cods in das wertvollere Dasein eines Stockfisches hinüberhäuteten und schnitten. Und wie wir uns vorgekommen waren wie Fürsten damals, als wir die hart verdienten Dollars einstrichen, der Milliardärssohn und ich. Ob Franky wohl in Neuyork war? Heidi, was würde der für Augen machen! Zur Feier rasch ein Glas Sekt aus einer der winzigen Viertelflaschen, die für den amerikanischen Gebrauch besonders hergestellt werden in Frankreich, und dann zur First National Bank —
Der Gang zu den Privatkontoren ist nicht etwa von einem einzigen Cerberus bewacht, sondern von dreien, die ich nacheinander zu passieren habe. Der erste versucht natürlich, mich zu bestimmen, mich mit meinen »Geschäften« an den »manager« zu wenden, und ist höflich und milde ungläubig, als ich erkläre, daß ich Mr. Reddington persönlich zu sprechen wünsche und ihm persönlich bekannt sei; der zweite macht ein bedenkliches Gesicht, nimmt mir aber wenigstens Hut und Ueberzieher ab; der dritte, offenbar ein Sekretär, haust in einem Vorzimmer und unterwirft mich der peinlichen Frage.
»Sie wünschen also Mr. Reddington persönlich zu sprechen?« sagte er.
»Jawohl.«
»Darf ich um Ihre Karte bitten?«