Vor einigen Monaten stand ich wieder einmal auf der Great Oxford Street in London und sah die Menschenmassen und die endlosen Wagenreihen sich vorbeiwälzen. Da war der Eindruck so leicht zu erfassen. Denn ein Kind hätte verstehen können, daß in diesem Häuserwirrwarr und Menschengedränge das Herz Großbritanniens pulsierte, das Hirn Englands schuf und dachte, der Mittelpunkt des Weltreichs sich befand. Auch da ließ sich das beängstigende Einzelgetöse gar leicht zu großem Zug zusammenfassen.

Neuyork aber ist geheimnisvoll.

Ein gescheiter Mann nannte es einmal das Wunderkind mit dem Wasserkopf unter den Städten der Welt. Der anscheinend so unförmige und häßliche Kopf aber sehe nur aus wie ein Wasserkopf und enthalte in Wirklichkeit ein ganz ausgezeichnet entwickeltes Gehirn. Dieser Wunderkinder-Vergleich ist sehr gut. Neuyork ist kindlich jung. Noch nicht einmal dreihundert Jahre alt. Denn im Jahre 1626 war es, als die Niederländer, gescheite Leute und tüchtige Seefahrer, die feine Nasen für einen ideal guten Hafen hatten, auf der Insel Manhattan landeten und das niederländische Dörfchen Neuamsterdam gründeten. Ganz genau auf dem Fleck, wo jetzt die Wolkenkratzer gen Himmel ragen. Der Witz der Weltgeschichte wollte es, daß dieses kleine Häuflein von holländischen Männern den Menschen des Erdenflecks, auf dem sie hausten, in die Jahrhunderte hinein Geist von ihrem Geist und Denken von ihrem Denken vererben sollte — Millionen von Menschen, die auch kein Tröpflein des alten Holländerbluts in ihren Adern haben sollten. Und trotzdem — — Die Neuamsterdamer waren, in scharfem Gegensatz zu ihren Nachbarn, den neuenglischen Puritanern, weder Idealisten, noch Fanatiker, noch instinktive Republikaner. Sondern die Mynheers hatten gutes, dickes, solides Kaufmannsblut und wollten Geschäfte machen in ihrem Neuamsterdam. Nur Geschäfte. Recht gute Geschäfte. Sie sind auch sehr reich geworden.

Und sie sind es, die dem Neuyork der Zukunft seinen Stempel aufgedrückt haben!

Wenn man der Stadt der Geheimnisse überhaupt einen ganz großen allgemeinen Zug nachweisen kann, so ist es der Charakterzug ihrer holländischen Gründer:

Den Gulden mehren! Geschäfte machen um jeden Preis! Ob anständig oder unanständig, aber auf jeden Fall! Her mit dem Dollar!!

Die schwerfälligen Neuamsterdamer mit den tuchenen Kniehosen, den plumpen Schnallenschuhen, und dem Geldsinn sind längst vermodert und leben nur noch in wenigen Hunderten Familien der Neuyorker Aristokratie, ihren direkten Nachkommen, die sich knickerbockers nennen nach der Beinbekleidung ihrer Vorfahren — Kurzhosige. Das sind die Roosevelts, die Van Straatens, die Vanderveldes, die Yonkers. Diese alle sehr reichen und zum Teil sehr bedeutenden Leute sind zwar ahnenstolz in ihrer Art, legen aber auf das holländische Blut in ihnen recht wenig Gewicht. Nein, der Dollar ist es, in dem die vermoderten alten Holländer fortleben; in der brausenden Dollarluft, die über Neuyork dahinpfeift, tummeln sich ihre Seelen. Nirgends in der Welt hat je das liebe Geld so hart geherrscht als in der Meerstadt, über die des Nachts die Strahlenbündel vom Haupte der Freiheitsstatue leuchten. Sie sind immer harte Leute gewesen, diese Neuyorker, und Gold war stets ihre Losung.

Aus Neuamsterdam wurde Neuyork.

Keiner der geldgierigen Holländer durfte es erleben und keiner hat es nur geahnt, daß Schiffe über Schiffe den Atlantischen Ozean durchqueren sollten nach der kleinen Felseninsel am Hudson, und Millionen über Millionen von Menschen sich durch die amerikanische Eingangspforte in das neue Land drängen. Daß das meiste von dem Geld und ein weniges von dem Menschenmaterial dieser Millionen an der Türschwelle der neuen Welt hängen bleiben sollte. An Neuyork. Das Wunderkind wuchs erschreckend. Dock wurde an Dock geklebt, ohne Ueberlegung, ohne Plan; dicht am Straßenrand wurden die Anlegepfosten ins Meer gerammt und die Anlegestege gebaut. Haus wurde Haus auf den Leib gepackt auf Manhattan. Immer mehr wurden die Menschen. Der Wasserkopf war da. Das ungesunde, anormale Wachstum; das hastige Gestalten nach den Forderungen des Augenblicks, das der sonderbarsten Stadt der Welt ihren Stempel aufgedrückt hat.