Das Gepräge des Chaotischen.

Als ob die treibenden Gewalten sich rauften und um Licht und Luft und Dasein hätten ringen müssen; die Schiffahrt, der Binnenhandel, der Außenhandel, der Ortshandel, die Finanzen. Nichts griff klar ineinander, sondern alles war Wirrwarr. Neuyork ist niemals nur der große Welthafen gewesen, nach dem von allen Erdenteilen Schiffe steuern; oder nur die große Kaufmannsstadt, in der die von anderen geschaffenen Werte zur Münze umgeprägt werden; oder nur die große Finanzstadt, in der die Milliardenkämpfe zwischen den Großen des Landes ausgefochten werden müssen — sondern stets eine wirre Verbindung von allen diesen Dingen; eine Hölle von gegensätzlichem Streben. Den inneren Zwiespalt zeigt scharf das Aeußere der Stadt. Mir ist die grandiose Freiheitsstatue auf der winzigen Felseninsel Liberty Island mitten im Neuyorker Meer niemals als tiefbrünstiges Symbol der Volksseele der neuen Welt erschienen, sondern ich habe mich stets nur lachend gewundert, woher nur in aller Welt diese Holtergepolter-Neuyorker sich jemals die Zeit nahmen, an so abstrakte Dinge wie Freiheit und Symbolik auch nur zu denken. Sonst sind sie doch praktisch nur; erstens praktisch, zweitens praktisch, drittens praktisch, und viertens sonst überhaupt gar nichts. Sie schmissen Dampferpier neben Dampferpier hin, wo er gerade nötig war; sie bevölkerten Hoboken mit ekelhaften kleinen grauen und schwarzen Dreckhäusern, weil das für die Notwendigkeiten der Schiffahrtsleute gerade praktisch war; sie türmten dort, wo um die Milliarden gefochten wird, im Herzen der Insel Manhattan, die Häuser himmelragend in die Lüfte empor, daß die staunende Welt schaudernd die Augen aufriß und lange Zeit das moderne Märchen vom Wolkenkratzer nicht recht glauben wollte — weil jeder Zoll Boden auf Manhattan ein Vermögen kostete und die Luft darüber auch nicht einen Pfennig. Die Einfachheit dieser Kalkulation wirkte gigantisch. Doch man jagt mit Sturmschritten in Neuyork, und auch für den Wolkenkratzer hatte selbstverständlich nur der Mann Zeit übrig, der ihn zwecks Dollarverdienens erbaute. Die anderen grinsten beifällig, dachten aber gar nicht daran, die Konsequenzen des Wolkenkratzersystems zu ziehen und so etwas wie ein einheitliches Stadtbild zu schaffen.

So, wie der primitive Amerikaner sich ein praktisches rundes Loch in seinen teuren Lackstiefel schneidet, wenn ein Hühnerauge ihn drückt, so erbaute der Neuyorker seine Stadt. Neben dem Wolkenkratzer blieb die Hütte stehen, dicht daneben. Auf die Hütte folgt womöglich eine winzige Kirche, auf die Kirche wieder ein Wolkenkratzer, dann ein Häuschen, dann ein Haus, dann wieder ein Wolkenkratzer. Und in diesen Tagen noch muß der nur einigermaßen nachdenkliche Beschauer des Broadway und der Manhattan-Gegend sich verzweifelt an den armen gequälten Schädel fassen und ausrufen:

Wehe mir! Wie soll ich es begreifen, daß neben dem Riesen der Zwerg wohnt! Daß Dieses so gigantisch ist und Jenes so erbärmlich klein!

Und im allgemeinen wird er, trotz aller Ehrfurcht für das Riesenhafte, den Eindruck einer kolossalen Verrücktheit haben. Denn überall ist das gleiche Chaos, die gleiche Ungereimtheit. Dicht an die groteske Wolkenkratzergegend schließen sich die Avenuestraßen im Wolkenkratzersquare, die wie eine völlig andere Welt anmuten. In ihrer palastartigen Vornehmheit sehen sie aus, als sei in ihnen ein Stück des aristokratischen Londoner Westendes mit Haut und Haaren und Haus und Grund ausgegraben und nach Dollarika verpflanzt worden. Die Bowery dort mit ihrem Tingeltangelgedröhne und widerlichem Spektakel von Schwindelgeschäften könnte sehr wohl ein Fetzen des niedersten Paris sein — und die fürchterlichen grauen Häuser in den luftverpesteten schmalen Straßen im Ostende, wo die Aermsten zu Dutzenden in einem Zimmer wohnen, sind wie ein Abbild der slums in Whitechapel. Doch dazwischen dehnen sich Parks, weiten sich Spielplätze, die den Städtebauern der alten Welt eine so ungeheure Anregung gegeben haben, daß sie noch jahrelang nachwirken wird; strecken sich ins Land hinein entzückende Villenstraßen, die ein Vorbild sind und ein Muster des billigen eigenen Heims an den Rändern der großen Stadt.

So jagen sich Schritt für Schritt fast die verwirrend grotesken Gegensätze im Städtebild Neuyorks. Und doch löst sich immer wieder als einzig bezeichnend und allein wichtig der Häuserriese im Herzen Manhattans von allen anderen Bildern los:

Der Wolkenkratzer.

Der fünfundzwanzigstöckige, der fünfzigstöckige, der fünfundsiebzigstöckige Wasserkopfriese ist das Wahrzeichen Neuyorks und sein Symbol, sein Stolz und seine Schande zugleich. Ist er doch der Bienenkorb, in dem man die sonderbaren Menschenbienen am besten schwirren sehen kann. Dort wohnt die Seele Neuyorks.

Jene anderen Viertel, die man so typisch nennt, sind nicht neuyorkhaft. Es ist nichts Wunderbares, daß an der großen Türschwelle aller Nationen so viele Fremde haften geblieben sind, mag es auch verblüffen, wenn man feststellt, daß in Neuyork mehr Italiener wohnen als in Rom, mehr Deutsche als in Breslau, mehr Franzosen als in der durchschnittlichen Provinzstadt Frankreichs, mehr Juden endlich als an irgend einem Orte der Welt zusammenhausen. Es scheint einem etwas ganz Natürliches, durch winkelige Trödelstraßen zu schreiten, in denen fast nur »jiddisch« gesprochen wird, und durch Viertel, wo man sich nur verständigen kann, wenn man der italienischen Sprache mächtig ist. Und doch hat es wieder etwas Erschütterndes, daß diese Leute ihr Völkischsein so völlig mitgenommen haben in die neue Welt. Sie leben und lieben, sprechen und denken, wie sie es in Italien taten; sie essen die Makkaronis und trinken den Chianti ihrer Heimat, und träumen von dem glücklichen Tag, an dem einst die italienische Sonne wieder auf sie scheinen wird. Sie werden dann mit den paar hundert amerikanischen Dollars kleine Landeigentümer geworden sein. Von dem aber, was Neuyork ist, trennt diese Leute eine Unendlichkeit, auch wenn sie zehnmal ein Bürgerpapier unterschrieben und zwanzigmal einen Amerikaner in den Stadtrat oder in den Kongreß gewählt haben. Die gleiche Unendlichkeit scheidet die große Masse der armen Juden von dem Wesen Neuyorks. Darin sind sich die Fremden im großen Sinne alle gleich; Juden oder Deutsche oder Italiener oder Slaven. In ihrer Gesamtheit bedeuten sie für Neuyork nichts weiter als ungewöhnlich billiges und ungewöhnlich leicht traktables Menschenfutter für die große Tätigkeitsmaschine; Menschenfutter, das von einigen wenigen Leuten, die nationale Eigenart wohl kennen und sie schlau auszunutzen verstehen, ausgepreßt wird wie eine Zitrone. Von Tausenden dieser Fremdlinge lächelt einem, der sehr stark oder sehr zähe oder sehr gescheit ist, der große Erfolg. Und dieser Eine nur immer ist für Neuyork wichtig und Neuyork für ihn. Die Anderen sind Schatten, die da kommen und gehen, die einige Männer reich und einige Industrien lebensfähig machen.

Einst haben die Fremdlinge Neuyork geschaffen. Heute sind sie nur eines seiner Anhängsel in dem Chaos, dessen einziger fester Punkt der Begriff des Wolkenkratzers ist, ins Unendliche ausgedehnt, ins Symbolische übertragen. —