Als solches die Königin von der Ammen höret, erschrak sie und ward zornig, ließ sie überall suchen, so lang, bis solches der König erfuhr. Und kam das Geschrei, der Ritter mit den Schlüsseln wäre hinweg. Da gedacht sich der König, der Ritter hätte sie mit sich hin geführet. Und ließ der König als bald mit Macht auf bieten, nach zu folgen und zu suchen; und so man den Ritter überkäme, gebot er, man sölle ihm ihn lebendig bringen. Wann er wollt ihn strafen, damit die ganze Welt darvon wüßte zu sagen.
Da nun die Untertanen hätten verstanden den Willen ihres Herren, gingen sie heim. Und nahmen ihr Harnisch und Waffen, zerteilten sich hin und wieder auf dem Wege und suchten mit großem Fleiß. Und blieben der König und die Königin unmutig bei einander; wann der ganze Hof ward betrübet, in Sonderheit die Königin; die wollt verzweifeln und schrie und weinet gar jammerlich.
In dem schicket der König nach der Ammen, und saget ihr: „Es mag nicht gesein! Du mußt etwas darvon wissen, daß dann kein Mensch!“ Da fiel die gute Amme dem König zu Füßen und sprach: „Aller gnädigster Herr, so ihr in mir möget finden, daß ich in dieser Sachen einerlei schuldig bin, so bin ich zufrieden, daß ihr mich lasset töten eines grausamen Todes, wie ihn euer Hof erkennen wird. Dann als bald ich solches erfahren, hab ich's meiner gnädigen Frauen, der Königin, angezeiget.“
Da ging der König in sein Gemach, aß und trunk nichts den ganzen Tag vor Trauern. Es war auch erbarmlich, zu sehen der Königin Wesen, samt anderen Jungfrauen und Frauen des Hofes, auch durch die ganze Stadt Neapel.
Nun suchten die Untertanen hin und her treulich, aber sie konnten nichts finden, noch erfahren von den Zweien. Und kamen also eines teils in sechs Tagen wieder, die anderen in fünfzehen Tagen. Erfuhren und funden nichts, darum der König fast zornig ward.
Nun wollen wir hie verlassen, weiter von dem König zu sagen; und wollen uns wenden, zu sagen von der Schönen Magelona, die da lag im Holze und schlief.
Wie die Schön Magelona entschlief in dem Schoße des Peter, und wie er große Lust hätt, sie schlafend an zu schauen, doch zu Ende zornig ward, als ihr hernach hören werdet.
Wie ihr oben gehört habt, daß die Schön Magelona in dem Schoße des Peter entschlief, da hätt der Peter keine größer Lust, dann im Anschauen seiner aller Liebsten; er kunnt sich auch nicht ersättigen der Schöne, die er da vor sich sah. Und da er sie genug besehen hätt, ihren schönen roten Mund, auch das Angesicht, da kunnt er sich nicht enthalten, schnüret auf ihre Brust, zu beschauen auch ihre schneeweiße Brust, die weißer war zu sehen, dann ein Kristall; griff an ihre schönen Brüstlin. Als er solches tät, ward er in der Liebe ganz entzundet und verzucket. Gedauchet ihn, er wäre im Himmel, gedacht auch, Unglücke möchte ihm nichts schaden. Doch diese Lust blieb ihm nicht lang; wann darnach erlitt er unübertreffliche Pein, als ihr hernach werdet vernehmen.
Da nun der Peter die Schöne Magelona wohl besehen hätt, da sah er ungefähr einen roten Zendel zusammen gewickelt zwischen ihren Brüstlin liegen. Da überkam ihn große Lust, zu erfahren, was es wäre, und nahm es heraus und wickelt es auf. Da fand er darinnen liegen die drei schönen Ringe, die er ihr geben, und die sie also lieb hätt und auf hub von seinen wegen. Da sie nun der Peter gesehen hätt, wickelt er's wieder in den Zendel wie vor und leget sie neben sich auf die Seiten auf einen Stein und begunnt, die Schöne Magelona wieder an zu sehen, und ward also verzucket in der Liebe, daß er nicht wußt, wo er war.
Aber GOTT der Allmächtig erzeiget ihm, wie daß in dieser Welt kein Freude wäre ohn Traurigkeit, und schicket darhin einen Vogel, der da lebet von dem Raub. Der ersah den Zendel, und vermeinet, es wäre Fleisch, erwischet ihn und flog darvon.