Wie die Amme wieder mit dem Ritter zu reden kam.
Da es nun kam auf den anderen Tag, bemühet sich die Amme, den Ritter an zu sprechen, und fand ihn in der Kapellen, in welche er pfleget zu gehen. Und als er sie ersah, ward er fast fröhlich, wann er verhoffet, was von der Schönen Magelona zu erfahren. Stund auf und ging ihr entgegen, grüßet sie gar freundlich und höflich. Da antwortet sie ihm wieder und sprach: „GOTT gebe und verleihe euch zu überkommen, was euer Herze begehret.“
Darnach fraget sie der Ritter, was die Schön Magelona begönne, und fraget, ob er in ihren Gnaden wäre. Da antwortet die Amme ihm und saget: „Edeler und aller liebster Ritter, glaubet mir sicherlich, daß itzunder in dieser Welt kein Ritter ist, der je Harnisch führet und Ritterspiel brauchet, der also glückselig ist als ihr. Selig ist auch gewesen die Stunde, da ihr hieher in dies Land seid gekommen; wann durch euer redlich Tapferkeit habet ihr erlanget und überkommen die schönste Jungfraue dieser Welt. Euch ist auch nie kein größer Glücke widerfahren, wann ihr habet gewonnen ihre Gnad und Liebe. Sie tut euch danksagen um den Ring, den ihr durch mich ihr neulich überschicket, will ihn auch von euert wegen behalten. Sie begehret auch, euch herzlich zu sehen und freundlich mit euch zu reden. Ich bin auch wohl zufrieden, daß solches geschehe. Jedoch werdet ihr mir verheißen bei Edelmanns Treue und Glauben, daß in euer Liebe nichts anders sei, dann Zucht und Ehr, wie dann geziemet einem jeden euers hohen Standes.“
Als solches der edel Ritter von der Ammen verstanden, tät er als einer, in welchem alle Tugend waren. Und kniet nieder auf die Erden vor ein Kruzifix, und sprach: „Mein liebste Frau, ich verheiße und schwöre euch hie vor GOTT, meinem Schöpfer, daß mein Meinung und Gemüte nicht anders ist, dann Zucht und Ehr. Ich begehre auch, nichts anders zu erlangen, so es GOTTes Willen wäre, dann die Liebe der Schönsten Magelona zum heiligen Sakrament der Ehe, solche zu vollenden nach Gebrauch der heiligen christlichen Kirchen. Oder GOTT helfe mir nicht in dieser Welt! Amen.“
Da die Amme solch Gelöbnis von ihm höret, gab sie ihm die Hand, und zog ihn wieder auf und sprach: „Fürwahr, edeler Ritter, ihr habet einen solchen Eid getan, darum euch billig zu glauben und vertrauen ist. Ihr sollet auch wissen, ich will solchen euern Willen der Schönen Magelona ohnangezeiget nicht lassen. Ich bitte auch den allmächtigen ewigen GOTT, Er wolle euch in diesem euerm Fürsatze behalten. Und so es Sein göttlicher Wille wäre, möchte ich wohl sprechen, daß in dieser Welt nicht werde gefunden ein Paar bei einander, so edel und ehrlich und züchtig, als ihr beide. Und darum, edeler Ritter, schicket euch darauf, und kommet morgen nach Mittag durch das kleine Pförtlin des Gartens zu der Schönen Magelona in ihre Kammer, darinne sie wird mit mir alleine sein. Doch will ich auch die Kammer raumen, damit ihr beide alleine bei einander seid. Da redet und erzählet euer Anliegen nach euers Herzens Begier!“
Als solches der Ritter vernahm von der Ammen, ward er hochlich erfreut, und danket ihr der guten Botschaft, und schieden also von einander. Und kam die Amme wieder zu der Schönen Magelona, und saget ihr alles, wie sie es mit dem Ritter aus gerichtet hätte und beschlossen. Da sie solches höret, danket sie der Ammen gar freundlich, und wartet des Ritters mit herzlicher Begierde.
Wie der Ritter zu der Schönen Magelona kam durch das kleine Pförtlin im Garten.
Auf den andern Tag, als die Zeit und Stunde vorhanden war, daß der Ritter zu der Schönen Magelona sollte kommen, nahm er der Stunde fleißig gewahr, und gedauchet ihn die Zeit lang sein. Kam doch zu dem Pförtlin bei dem Garten, das ihm angezeiget war, und fand es offen, wie ihm dann die Amme gesaget hätt. Also ging er hinein in die Kammer der Schönen Magelona mit großer Begier seines Herzens, und fand da die Schöne Magelona samt der Ammen beide alleine. Und als bald ihn die Schön Magelona ersah, verwandelt sich alles ihr Geblüte, und ward rot an ihrem Angesicht als eine Rose. Und hätte guten Willen gehabt, gegen ihm auf zu stehn, ihn in die Arme zu nehmen und zu küssen; wann die Liebe tät sie darzu reizen. Jedoch die Vernunft, die da soll regieren das Herze eines jeglichen adeligen Menschen, erzeiget ihm ihre Ehr, wie wohl ihr schönes Angesicht, auch ihre lieblich und freundlichen Augen nicht verbergen mochten die Liebe, so sie in ihrem Herzen trug gegen dem Ritter; und das Herze sprang ihr auf im Leib vor Freuden. Also hätt die Schön Magelona in ihr selbst zween Gedanken, und sah den Ritter sehr freundlich an.
Der edel Ritter verwandelt auch nicht weniger seine Farbe, da er vor sich sah die aller Schönest und Liebste seines Herzens. Er wußte auch nicht, wie er an sollte fahen zu reden; wann er wußte nicht, ob er in Lüften oder auf Erdreich war; als dann die Liebe ihren Untertanen pfleget zu beweisen und tun. Jedoch kniet er nieder ganz schamhaftig vor sie und sprach: „Großmächtige hochgeboren Fürstin, der allmächtige GOTT verleihe euch Ehr und alles, das euer Herz begehret!“
Als bald stund die Schön Magelona auf und nahm ihn bei der Hand, und saget zu ihm: „Edeler Ritter, seid mir willkommen!“ Und hieß ihn, zu ihr sitzen. Da solches die Amme vermerket, ging sie in eine ander Kammer nah darbei. In dem fing die Schön Magelona an zu reden also: „Edeler Ritter, ich habe großen Gefallen in dem, daß ihr zu mir seid kommen. Wann ich hab großen Willen gehabt, mit euch zu reden, wie wohl es nicht geziemet einem jungen Menschen, als ich bin, alleine mit einem Mann heimlich zu reden, wie ich mich dann solches zu tun unterstanden habe. Jedoch habe ich wiederum angesehen euer edels Gemüte, das mich gesichert und keck gemacht hat, solches zu tun. Wisset auch, da ich euch den ersten Tag gesehen, hat euch mein Herze also bald Gutes gewollt. Wann alle Gutheit und Zucht, die in einem adeligen Menschen mögen sein, die werden vollkommenlich in euch befunden. Darum, edeler Herr, saget mir euer Geschlechte, Namen, Wesen und Stand; und verberget mir's nicht! Wann kein Mensch auf Erden ist, dem ich mehr Gutes gönne, dann euch. Hierum ich gerne erfahren wollt, wer ihr wäret, und aus was Landes Art, und warum ihr hieher kommen seid.“