Dolores fühlte sich aufs peinlichste berührt. Auch sie hatte das Eis gekostet und zurückgestellt – es schmeckte wie gefrorenes Salzwasser. Aber das war in ihren Augen noch kein Grund, den daran unschuldigen Diener dafür zu strafen, und zudem begriff sie nicht, wie man einen solchen überhaupt in sein Zimmer treten lassen konnte, wenn man sich in solch' tiefem Negligé befand, wie ihre Wirtin. Der Mensch räumte alles wieder fort und ging. Dolores erhob sich.
»Ich glaube, es ist Zeit für mich, zurückzufahren,« sagte sie, aber die Gräfin zog sie wieder auf das Sofa nieder.
»Bleiben Sie noch, bitte,« sagte sie. »Und wenn Sie's aus Sympathie nicht thun können, so thun Sie's aus Barmherzigkeit. Ich bin ja immer allein!«
Dolores sah überrascht auf – das war wie ein Ruf der Verzweiflung, der ihr da entgegentönte, es schien als ob das Wundern in diesem Hause kein Ende nehmen könnte.
»Und Sie werden wiederkommen, nicht wahr? Und ich darf Sie besuchen?« fuhr die Gräfin fort. »Ach, es ist schrecklich, so jahraus, jahrein zu sitzen und mit niemand sprechen zu können, denn wir bleiben immer in Arnsdorf, Sommer und Winter.«
»Aber Ihr Gemahl besucht doch die Residenz?« fragte Dolores, nur um etwas zu sagen.
»Das berührt mich nicht,« erwiderte Gräfin Schinga kühl. »Ich sehe ihn ohnehin nur selten, seitdem ich die Schlangen habe. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, welche Mühe es mir gemacht hat, sie zu zähmen, und sehen Sie, mein Arm weist noch die Narben auf von ihren Bissen. Aber jetzt kennen sie mich und hören, wenn ich sie rufe!«
»Mein Gott, welche entsetzliche Liebhaberei,« rief Dolores.
»Es ist nicht gerade das,« meinte die Gräfin. »Ich habe mich im Anfang auch erst an die kühlen, glatten Dinger gewöhnen müssen. Aber was hilft's? Es ist Notwehr!«
»Notwehr?« wiederholte Dolores verwundert. »Ich meine, ein großer Hund thäte die besten Dienste.«