Indessen stand auch Doktor Ruß händereibend an dem Fenster seiner Wohnstube und sah der davon rollenden Hofequipage nach.
»Sieh, sieh,« sagte er kopfnickend, »unsere liebe Nichte Dolores wird ja hochgeehrt von Monrepos aus. Ei, ei!«
»Jedenfalls eine Aufmerksamkeit für Alfred,« meinte Frau Ruß, eifrig am anderen Fenster strickend.
»Meinst du?« erwiderte der Doktor leise lachend. »Ich möchte an eine andere Version glauben, nach dem Benehmen zu schließen, das dein Sohn bis jetzt beobachtet hat. Aber gleichviel,« setzte er mehr für sich hinzu. »Jedenfalls wird er ihr häufiger begegnen, und Dolores ist eine zu große Schönheit, als daß ein Männerauge lange ungerührt auf ihr weilen könnte.«
Frau Ruß seufzte.
»Es scheint aber fast etwas wie eine Aversion zu sein, die Alfred gegen Dolores hegt,« sagte sie und ließ ihre Nadeln schneller klappern. »Rote Haare sind eben nicht für jedermann.«
»Papperlapapp!« ließ sich der Doktor mit leisem Spott vernehmen. »Natürlich die rote Grete unten im Dorfe mit ihren Sommersprossen und ihrem häßlichen, naßroten, mit Bleikämmen ekelhaft gemachten Haar wird einen verfeinerten Geschmack nur abstoßen. Aber Dolores? Das verwöhnteste Auge wird schönheitstrunken auf ihr weilen, oder es weiß nicht, wie Schönheit sich offenbart.«
Jetzt sank das Strickzeug der Frau in den Schoß.
»Ei, du bist ja ganz Feuer und Flamme,« sagte sie mit einem drohenden Blitz aus ihren kalten, harten Fischaugen.
»Gewiß, teure Adelheid, du weißt, daß ich als Ästhetiker beurteilen kann, was wirklich schön ist,« erwiderte Ruß sehr ruhig, aber unter seinen Brillengläsern glitt ein unbeschreiblicher Blick über die reizlose Gestalt der älteren, verbitterten, kalten Frau, an die er sich aus pekuniären Gründen gefesselt hatte. »Wenn ich Artikel, gesuchte und viel gelesene Artikel über die Gesetze der Schönheit schreibe, so kann ich das doch nicht wie ein Blinder von der Farbe thun. Ich schreibe jetzt über die Schönheit des germanischen Haares –«