Kein Mensch es sonst wissen sollt'!
Als sie geendet, brach niemand das tiefe Schweigen – selbst die rohe und rauhe Natur eines Schinga ward seltsam berührt, und ein Etwas, von dem er nicht wußte, was es ist, machte das anfangs geplante: »Famos, räuberhaft schön!« auf seinen Lippen verstummen. O, die Musik ist eine große Macht!
Stumm, Thränen in den seelenvollen Augen, trat Prinzeß Alexandra an Dolores heran und küßte ihr die bleiche Wange.
»Das ging zum Herzen,« flüsterte sie, »weil es vom Herzen kam. Danken Sie Gott, daß er Ihnen zu all' seinen Himmelsgaben ein fühlendes Herz verliehen!«
»Ist das ein Glück?« fragte Dolores fast traurig.
Die Prinzeß sah ihr tief ins Auge.
»Ja,« sagte sie fest. »Und wäre es auch nur von kurzer Dauer.«
Drüben stand am Fenster Richard Keppler und sah stumm hinüber auf die schlanke, dunkle Gestalt, die ihm so teuer war. Falkner war verschwunden. Schon während des Liedes war es so eigen über ihn gekommen, und als der letzte Ton verklungen, da war er hinausgetreten auf die Terrasse, und während er hinübersah auf den mondbeleuchteten Rosenflor, von dem es köstlich herüberduftete, da ward es ihm unsäglich traurig zu Mute. Er wußte plötzlich, daß der Panzer der Vorurteile, mit denen er sich umgürtet, ihn nicht deckte, er wußte jetzt, in dieser Minute, daß aller Selbstbetrug ihn nicht mehr über seine Gefühle täuschen konnte. War es zu spät zur Erkenntnis?
Drüben in den Rosen ward es jetzt rege – es war der Herzog, der seine schönsten Theerosen, seine köstlichste Glorie de Dijon abschnitt, um sie Dolores zu übergeben. Ja, jedes dankte ihr in seiner Art – nur er, er hatte kein Wort für sie, weder ein gesprochenes, noch ein gedachtes. Und Prinzeß Alexandra, welche für ihn ein Musterbild edler Weiblichkeit war, die nur reines und edles in ihrer nächsten Nähe duldete, er sah sie da drinnen stehen Hand in Hand mit der, die er so bitter gekränkt.
Da trat urplötzlich eine kleine lichte Gestalt neben ihn – Prinzeß Lolo.