»Dafür sind Freundschaft und Wohlwollen auch nur mit Verlagsrecht versehene und blässere Abzüge des einen großen und einzigen Gefühls – der Liebe, welche keine Nebengedanken hat und taub ist gegen das boshafte Geflüster aller Kobolde der Welt,« erwiderte Dolores warm, aber doch im heiteren Konversationstone. Und aus diesem Tone hörte Doktor Ruß auch nichts Besonderes heraus und konnte auch im Dunkeln nichts lesen aus den Zügen, die nur hin und wieder ein Streif des Mondlichtes traf, der zwischen den Bäumen durchhuschte und sich in dem wie poliertes Kupfer gleißenden Haar der Herrin vom Falkenhof fing.

»Also liebt sie und will darum nichts wissen von einer Verbindung mit Alfred,« fuhr es durch das thätige Hirn des Doktor Ruß. Und laut sagte er träumerisch: »Ja die Liebe! Lebenssonne, Lebenslicht! Ach, wo bist du hin!«

Es stieg verführerisch auf nach den Lippen und reizte Dolores zu sagen: »Sie sitzt ja drinnen, deine Sonne, und strickt Socken für dich,« aber die angeborene Großmut ihres Herzens drängte dies schnöde, kalte Sturzbad auf die Mondscheingefühle des Doktor Ruß siegreich zurück.

Der in seiner Verteidigungsrede für die Unlesbarkeit der Gedanken entschieden in diesem Falle rechthabende Doktor Ruß schritt indes neben Dolores her und gestattete sich offenen Auges eine kleine Exkursion in das Reich seiner Gefühle.

»Die Liebe! Die Liebe!« wiederholte er. »Es bringt einem die ganze schöne Zeit zurück, da man noch jung war und das Herz seinen Tribut verlangte. Aber nicht jedem Herzen wird er entrichtet, und manch' ein Herz ist schon verhungert und verdurstet, oder verknöchert aus Mangel an Liebe oder – Gegenliebe, oder an dem gebieterischen ›Zurück,‹ mit welchem das Schicksal einem für immer die Pforten des Paradieses verschloß. Wie sagt der Dichter?

Ein ewiges Gesetz, den Frevel richtend,

Gebeut: Willst du dein Erdenlos bestehen,

Mußt du geschlossnen Auges und verzichtend

An manchem Paradies vorübergehen.«

»So scheint es,« sagte Dolores ruhig, aber innerlich bewegt von Lenaus Worten, welche gut gesprochen, auch mächtig an ihr Herz klangen.