»So ist es,« vollendete Doktor Ruß. »Glück – Liebe –! Für die Menschen geschaffen und doch nicht für jedermann. Vorbei, verweht, verloren für immer,« schloß er, beinahe flüsternd, und Dolores ergriff ein warmes Mitgefühl für den Mann, der seine Jugend durchkämpft um den kargen Bissen Brot, den er sich sauer verdiente im geistigen Tagelohn, und endlich um Verdoppelung dieses kargen Stück Brotes eine Ehe einging mit einer Frau, die nicht nur älter war als er, sondern auch sein geistiger Antipode, mit dem ein Wort inneren Verständnisses unmöglich war für alle Zeiten.

»Das ist schlimmer als der Tod,« dachte sie, »schlimmer als Entsagen.«

Ja, tausendmal schlimmer. Und Dolores mit ihrem reichen und reinen Herzen ahnte nicht einmal, daß der verknöcherte, schnödeste Egoismus und der verbrecherische Gedanke und der Eigennutz geboren werden aus den Herzen derer, welche nicht verzichtend, sondern begehrend vor dem geschlossenen Paradiese stehen.

»Was doch der Mondschein nicht aus uns herauslockt, alles, was wir längst tot und begraben meinten,« sagte Doktor Ruß dann nach einer Pause in leichterem Ton. »Auch Sie sind ernst geworden, Dolores.«

»Das ist der Grundzug meines Charakters, lieber Freund,« erwiderte sie.

»Aber ein natürlicher Frohsinn läßt ihn nicht herb werden,« meinte er. »Das ist eine Gottesgabe!«

»Ich weiß es und bin dankbar dafür.«

Nach einer abermaligen Pause nahm Doktor Ruß wieder das Wort.

»Ich habe viele Bühnenkünstler gekannt und von vielen gehört, welche von Natur ernst veranlagt waren – und zwar je ernster, je heiterer die Rollen waren, die sie verkörperten. Das ist auch solch' ein Naturrätsel, das noch keine Lösung gefunden hat, aber ich wundere mich nicht, es in Ihnen zu finden, liebe Dolores. Es frägt sich nur, ob man diese inneren und äußeren Gegensätze immer zur Begegnung zwingen kann, das heißt ob es auch Ihnen auf die Dauer gelingen wird, den Ernst Ihres Charakters mit der notwendigen inneren Heiterkeit der Kunst zu verschmelzen.«

Es war eine wohlgesetzte kleine Rede und, was das beste daran war, sie brachte ihren klugen Verfasser auf den Punkt, den er im Auge hatte.