»O doch,« sagte Dolores arglos. »Da ich zur Bühne nicht zurückkehren werde, sondern meine künstlerischen Kräfte nur noch dem Studium der Musik und der Komposition widmen will, so kann dieser gefürchtete Ernst meiner angeborenen Heiterkeit nur von Nutzen sein!«

»Oder die Heiterkeit dem Ernste,« erwiderte Doktor Ruß fein. »Doch Ihr Entschluß überrascht mich nach Ihrer gestrigen Erklärung, den Falkenhof schnöde verlassen zu wollen.«

»O – eins hat mit dem anderen nichts zu thun. Ich will bei einem großen Meister in die Lehre gehen – kann ich das hier?« fragte sie zurück und setzte heiter hinzu: »Da der Berg nicht zum Propheten kam, ging der Prophet eben zum Berge. Das ist mein Fall, der noch lange keine Schnödigkeit gegen den Falkenhof in sich birgt, denn den denke ich mir als Erholungswinkel und buen retiro zu reservieren.«

»Aber doch inzwischen ganz zuzuschließen für unbestimmte Zeit,« warf Doktor Ruß ein.

»Das ja!« erwiderte Dolores und fuhr harmlos fort: »Und denken Sie nur, wie sonderbar der Mensch doch ist – ich denke gar nicht gern an das Scheiden aus dem lieben, alten Hause, in dem ich meine schönsten Kinderjahre, weil meine ungebundensten, verträumt und mit den Märchengestalten meiner Bücher und meiner Phantasie bevölkert habe. Sie freilich werden den Ort gern verlassen, der Ihrem Geist so wenig oder gar nichts geboten hat, und ich kann mir denken, mit welch' geistigem Hunger es Sie hinaus und nach einem Felde der Thätigkeit verlangt. Sie haben dem verstorbenen Onkel in der That ein großes Opfer gebracht!«

»O – Sie beschämen mich!« murmelte Doktor Ruß bescheiden. Es war gut, daß es dunkel war – es hätte Dolores sonst auffallen müssen, wie blaß er geworden war. »Daß Sie recht haben wie immer, kann ich ja in Bezug auf mich nicht leugnen,« sagte er im gleichen, ruhigen Gesprächston, aus welchem höchstens die scharfen und an jede Tonnuance gewöhnten Ohren seiner Frau eine leise Schwankung herausgehört hätten.

»Nein, denn nur das Gegenteil hätte bei einem Geist, wie der Ihrige ist, verwundern können,« entgegnete Dolores freundlich.

»Ich danke Ihnen,« sagte er innig und beugte sich herab, ihre Hand zu küssen. Doch das gelang ihm nicht, denn lachend verbarg sie beide Hände auf dem Rücken und erlangte dadurch die ersehnte Freiheit des Alleingehens.

»Und wann gedenken Sie den Falkenhof zu verlassen?« nahm Doktor Ruß den Faden des Gesprächs wieder auf.

»O, erst im Herbst, wenn es anfängt rauh und kalt zu werden. Ich möchte doch noch den schönen, heiteren, unvergleichlichen deutschen Sommer genießen.«