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Das ist eine traurige, schreckliche Stunde, wenn wir die irdischen Überreste derer, die wir geliebt, hinausgeleiten müssen zur letzten Ruhestätte unter dem grünen Rasen. Wem Gott noch diese Stunde erspart hat, der kann es auch nicht ermessen, wie es thut, wenn der Sarg, den liebende Hände mit Blumen geschmückt, hinausgetragen wird über die heimische Schwelle, wenn er langsam hinabgleitet in das frischgegrabene Grab und so allmählich den Blicken entschwindet – für immer. Das ist fast der bitterste Augenblick bei dem bitteren Scheiden, das wir den Tod nennen, und doch werden wir geboren um zu sterben, und keiner weiß, wann ihm sein Stündlein schlägt.
Als man den schweren eichenen Sarg des Freiherrn Gustav von Falkner hinabließ in die Familiengruft der Falkner, die so friedlich und schön dicht am »vielgrünen,« rauschenden Walde lag, da war es anders. Es hatte niemand den boshaften Krüppel geliebt, der jedem mit seiner bösen, scharfen Zunge eine Wunde beizubringen trachtete. Mit Haß und Rache im Herzen stand das Rußsche Ehepaar und sah dem hinabgleitenden Sarge nach – ohne Trauer, aber auch ohne Groll stand Alfred Falkner neben ihnen. Der Tote hatte ihn als Kind erschreckt, als Jüngling eingeschüchtert und entrüstet, als Mann abgestoßen, dennoch aber hatte er ein viel zu großmütiges Herz, um kleinlich zu denken und Groll hinter dem Sarge des Mannes herzutragen, der im Grunde doch sein Wohlthäter gewesen war.
Mit unbeschränkter Dankbarkeit im Herzen folgte ihm Karl Engels, aber daß er den Toten geliebt hätte, damit konnte er sich selbst nicht betrügen; denn Dankbarkeit und Liebe sind zwar Geschwister, aber auch solche gehen gern jedes seine eigenen Wege.
Als Fünfter in diesem kleinen Trauergefolge stand Justizrat Müller, der oft nahe daran gewesen war, seinem unleidlichen Klienten den Kram zu kündigen, und als Sechste und doch Erste, allen voran stand die Erbin des Falkenhofes, Dolores Freiin von Falkner, im schwarzen Kleide, den schwarzen Kreppschleier über dem prachtvollen, goldroten Haar und dem heut' besonders marmorbleichen, klassisch schönen Antlitz, auf dem ein solch' tiefer Ernst lag, daß Alfred Falkner vergebens den berückenden Satanellen-Ausdruck darin suchte.
Wie oft hatte der Tote da unten sie »Teufelsbrut« genannt, ein herzloses, boshaftes Ding, auf das er am liebsten die Hunde gehetzt hätte, wie oft hatte er den Zorn, den er für ihren Vater, und den Haß, den er für ihre stolze, indolente Mutter gehegt, an ihr ausgelassen und ihr alle Pestilenz der Erde angewünscht – und heute stand sie als seine Erbin an der offenen Gruft und ein wehes Gefühl ging durch ihr Herz, daß der liebesarme, reiche, böse Mann dort zwischen den feuchten, dumpfen Wänden ruhen sollte anstatt unterm grünen Rasen, und daß keine arme kleine Blume von liebender Hand gespendet hinabfiel auf sein letztes, enges Haus –!
Es war vorüber, und die Leidtragenden, sowie die Dienerschaft machten der Erbin Platz zum Hinausgehen. Allein schritt sie durch die Reihen, allein schritt sie voraus der Pforte zu, wo die Wagen hielten, auf fünf Schritt Distanz folgten ihr die anderen. Die Frau Doktor Ruß hatte sich bei der Herfahrt geweigert, mit der »Komödiantin« zu fahren, sie hatte es so auffallend gethan, daß in das bleiche Antlitz der Donna Dolores eine feine Röte gestiegen war – natürlich weigerte sie sich auch, an der Seite der Nichte zu den Wagen zurückzukehren, und da sie sich sofort mit Ostentation fest auf den Arm ihres Gatten lehnte, so ward es diesem auch unmöglich, der Erbin den Arm zu reichen, der Dehors wegen. Da es Alfred Falkner durchaus nicht versuchte, sich zum Sklaven derselben zu machen, und Engels in sehr richtigem Taktgefühl es nicht für seines Amtes hielt, so mußte Donna Dolores allein schreiten, aber zwei Schritt hinter ihr folgte ihr Señor Ramo Granza, ihr Sekretär, Verwalter und Kammerdiener in einer Person, der getreue Ramo, der sie als Kind auf dem Rücken getragen und sie niemals verlassen hatte.
Er war es, der ihr jetzt in den Wagen half und sich dann mit unveränderlichem Ernst auf dem Kutscherbock postierte, zum Ärger der deutschen Diener, die den »brasilianischen Affen« schon vor Jahren, als er mit seiner Herrschaft nach dem Falkenhof gekommen war, zum Kuckuck gewünscht hatten.
So mußte sie denn allein zurück, mußte sie allein hinaufsteigen nach dem Bibliothekszimmer, wo der Freiherr vorher aufgebahrt gewesen war und wo jetzt das Testament verlesen werden sollte.
Während sie in dem für sie bestimmten Sessel Platz nahm, den Schleier zurückschlug und die Handschuhe von den vielbewunderten, herrlich geformten Händen streifte, mußte sie an die Kindertage zurückdenken, die sie hier, in den Räumen des Falkenhofes verlebt. Damals, in dem sorglosen Dahingleiten der Zeit hatte sie denselben beherrscht durch das goldene Königstum früher Jugend, wo man die ganze Welt sein Eigen nennt und speciell für sich geschaffen glaubt. Mit den Hunden um die Wette war sie durch die Kreuzgänge des Hauses und durch die schattigen Alleen des Parkes geflogen und hatte hellauf gelacht im kostbaren Übermut der Jugend, wenn sie dabei strauchelte und fiel; aber sie hatte auch gelacht, wenn sie bei der wilden Jagd jemand an- und umrannte. Was man anderen Kindern ihrem Frohsinn zu gute hält, wurde ihr aber als Verbrechen ausgelegt, als der Vorsatz, andere zu schädigen, und aus Trotz und Übermut hatte sie sich nie verteidigt. Da gab es dann immer bittere Reden über die »Satansbrut« und den »brasilianischen Teufel,« den man sich auf dem Falkenhof entschieden schwärzer dachte, als den des Nordens. Zuletzt gefiel sich die Kleine darin, den Teufel zu spielen und jagte einmal der Dienerschaft einen tödlichen Schrecken ein, als es ihr einfiel, sich einen ausgehöhlten Riesenkürbis mit greulich ausgeschnittener Fratze über den Kopf zu ziehen und in dieser Toilette, einen roten Shawl um die Schultern geschlagen, im Mondschein in den Kreuzgängen spazieren zu gehen. Sie erinnerte sich noch deutlich, daß der Kürbis wohl leicht über den Kopf gegangen war, aber nicht wieder zurück wollte, so daß Ramo ihn erst aufschneiden mußte, um sie von ihrem geborgten Schädel zu befreien. Und wie Dolores daran dachte, mußte sie lächeln – es war ein ganz flüchtiges Lächeln nur, aber es wurde doch bemerkt, denn Frau Doktor Ruß sagte halblaut und entrüstet zu ihrem Sohne: