»Ach, Fräulein Tinchen,« rief sie freundlich, das kleine, graue Hausgeistchen, das jetzt ein Trauerkleid trug, erkennend.

»Willkommen auf dem Falkenhof, gnädigste Baroneß,« sagte sie abermals knicksend – es war nächst dem stummen und warmen Händedruck Engels' bei ihrer Ankunft kurz vor der Beisetzung das einzige »Willkommen,« das Dolores gehört.

»Nun führen Sie mich, Fräulein Tinchen,« sagte sie, »und zeigen Sie mir den Falkenhof, damit ich sehe, wo ich wohnen kann.«

»Ei, eingerichtet ist alles,« meinte die Haushälterin, mit ihrem leis klirrenden Schlüsselbunde voranschreitend, »aber wenn ich der gnädigsten Baroneß gut raten soll, da möchte ich mir die Freiheit nehmen und den westlichen Flügel vorschlagen mit dem Turmgemach, das an den nördlichen Flügel stößt. Da ist's im Sommer kühl und im Winter warm!«

»Gut, zeigen Sie mir die Räume,« erwiderte Dolores.

Lautlos schritt Mamsell Köhler voran, den nach dem Hofe offenen Kreuzgang des südlichen Flügels entlang, und öffnete, in den Westflügel einbiegend, dessen erste Thür.

»Hier kommen wir nach den Zimmern der gnädigen Großmutter der Baroneß,« sagte sie etwas leiser und ging voraus, die schützenden Fensterladen aufzustoßen.

Dolores warf noch einen Blick zurück und hinunter in den Hof mit dem plätschernden Brunnen, dann überschritt auch sie die Schwelle. Der Raum, den sie zuerst betrat, war ein Garderobengemach, mit schweren, tiefen eichenen Schränken rings um die Wände besetzt, die teils zur Aufbewahrung der Kleider, teils für das Leinenzeug dienten. Der nächste Raum war ein schönes, großes Schlafgemach mit prächtig geschnitztem Bett auf einer Estrade, umgeben von schweren, rubinroten seidenen Vorhängen. Zu den boisierten Wänden paßte trefflich das schöne, geschnitzte Renaissanceameublement, dem eine kundige Hand die Umrahmung der stellbaren Psyche prächtig angepaßt hatte, so daß dieses moderne Stück inmitten der echten, alten Möbel eben nur dem Kenner auffiel. Eine sogenannte Lade war mit Roßhaarpolstern, die mit rubinrotem Damast, wie die Vorhänge von Bett und Fenstern bezogen waren, belegt und bildete ein schönes Ruhebett. Kleeblatttischchen, niedere Schränke etc., alles paßte trefflich zu einander.

»Das ist wie geschaffen für mich,« sagte Dolores, den prächtigen Raum musternd, »meine Großmutter hat einen guten Geschmack gehabt.«

»O,« erwiderte Mamsell Köhler, und warf einen etwas scheuen Blick um sich und dann einen gleichen auf ihre neue Herrin, »die gnädige Frau Baronin bewohnten den westlichen Flügel jenseits der Bildergalerie, durch die wir noch kommen. Sie schlief im südlichen Flügel, und dieses Zimmer steht eigentlich verschlossen seit – seit zweihundert Jahren!«