Sie nahm den Hut ab und ließ die kühle Luft um ihre Stirne wehen und mit den goldigen Löckchen darüber spielen.

»Beim wunderbaren Gott, das Weib ist schön,« citierte Doktor Ruß in Gedanken mit halbem Seitenblick auf seine Begleiterin, »ob sie wohl zu einer Eboli veranlagt ist?«

In Rückerinnerungen verloren, schritt Dolores dahin, und in der That war der parkartige Wald vom Falkenhof dazu geeignet, Entzücken zu erregen. Man hatte die Natur nirgends eingedämmt, der Bach floß in seinem natürlichen Bette dahin, und auf dem Boden wuchsen Waldmeister, Erdbeeren und Heidelbeeren, aber es waren breite, gutgepflegte Kiesgänge kreuz und quer gezogen, und wo der Wald eine Blöße hatte, da zogen sich smaragdgrüne, tadellose Rasenflächen hin, plätscherten kühle Brünnlein oder sprangen Federfontänen in scheinbar ungekünstelten Steinbassins, emporgesprudelt von alten steinernen, moosüberzogenen Tritonen oder Delphinen. Wo sich das Laub zu dichten Gebüschen zusammenzog, da standen wohl halbverborgene Statuen von Sandstein, Götterbilder des alten Hellas und Rom, und mitten im Waldesdunkel träumten die Ruinen des alten Falkenhofes von der Vergänglichkeit, deren Opfer sie geworden. Es war nicht mehr viel da von den Mauern des alten Hauses, aber die kleine Kirche stand noch in ihren Umfassungsmauern, um die sich wilde Rosen rankten und durch die leeren Fensterkreuze und schön gemeißelten Steinrosetten der Spitzenbogen hereindrängten in das Innere, in dem nur noch einige Säulenknäufe und Kapitäle aus dem Moos und Gras hervorragten, das üppig aus dem Steinboden hervorsproßte, denn schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege lag der alte Falkenhof, der ja längst zu klein gewesen für seine Bewohner, als Ruine da, und es war nicht der unpoetischste Teil des Parkes, in welchem sie sich befand. Hier machte auch der Bach einen Bogen und fiel als kleiner Wasserfall steil hinab in ein dunkles Becken, das Hexenloch genannt, weil man in alten Zeiten die der Hexerei Angeklagten die Wasserprobe darin machen ließ, um sie, wenn sie dieselbe bestanden, schließlich doch zu verbrennen, denn der Aberglaube, dieser furchtbare Moloch, mußte seine Opfer haben – damals vernichtete er sie physisch, heute moralisch, und eins ist so schlimm und grausam wie das andere.

»Man bedarf Ariadnes Faden, um sich aus diesem Labyrinth heraus zu finden,« scherzte Dolores, als sie, um die Ruine herumbiegend, durch einen verdeckten, übermauerten Gang plötzlich an den Rand des Hexenloches, zu Füßen des Wasserfalles gelangten.

»Das macht die Übung,« erwiderte Ruß. »Aber ich meine, Sie müßten den Park doch von früher her noch kennen?« –

»Ich entsinne mich einiger Einzelheiten,« nickte sie, »besonders aber der Ruine und des häßlichen schwarzen Tümpels hier. Der verstorbene Onkel konnte es nicht laut genug der Welt verkünden, daß ich ein Satanskind sei, und Fräulein Köhler meinte, man müßte mich zur Probe da hinein werfen, denn nur der Böse könne mich daraus erretten.«

Doktor Ruß lachte leise vor sich hin.

»Und für diese freundliche Gesinnung erhöhten Sie der alten Klatschbase ihr Gehalt und schenkten ihr ein Geschmeide?« fragte er.

»Ach, das ist ja lange her,« entgegnete Dolores ebenfalls lachend.

»Ja, ja, und es hat sich seitdem vieles verändert,« nickte Ruß. »Als Sie den Falkenhof verließen, gingen Sie da direkt nach Brasilien zurück?«